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24. Februar 2013

Passionspredigt von Wolfgang Thierse in der Potsdamer Nikolaikirche

 „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22/19)

  Unser Predigttext ist ein Satz, der in jedem (evangelischen) Abendmahlsgottesdienst und in jeder (katholischen) Eucharistiefeier gesprochen wird. Es sind Worte Jesu, die zu den Einsetzungsformeln für das Abendmahl gehören – überliefert im Lukas-Evangelium (wie wir gerade gehört haben) und im 1. Korintherbrief des Paulus.

 

Es sind Worte der Aufforderung, der Einladung, der Bekräftigung: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“.

 

Was passiert durch diese Worte, was tut die Kirche, die Gemeinde da?

„So oft ihr von diesem Brot esst und von diesem Kelch trinket, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt (in Herrlichkeit)“ – so sagt es Paulus (1. Kor. 11/26).

 

Die Gemeinde wird gewissermaßen eingeschworen. Worauf? Auf ein Gedächtnis, eine Erinnerung, die sie festzuhalten und weiterzutragen hat.

 

Dieser Satz „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ – Sonntag für Sonntag gesprochen und gehört – konstituiert die Kirche/die christliche Gemeinde als eine Erinnerungsgemeinschaft in der Nachfolge Jesu.

 

-    Eine Gemeinschaft, die im Gottesdienst, in der Eucharistiefeier die Passion Jesu vergegenwärtigt, sein Leiden und seinen Tod – und sich so seiner Gegenwärtigkeit versichert.

 

-    Eine Gemeinschaft, in der biblische Gottesgeschichten tradiert werden, in der Glaubensgeschichten und Geschichten vom guten, sinnvollen Leben (das Alte und Neue Testament bietet sie ja in Fülle) weitergegeben, weitererzählt werden (in Epistel und Evangelium).

 

Christliche Religion, so sagt man unterscheidend, sei eine Buchreligion, eine Schrift- und Wortreligion. In ihrem Zentrum aber – jeden Gottesdienst werden wir darauf gestoßen – steht die Erinnerung an eine Passion.

Die christliche Kirche ist die Hüterin einer Leidenserinnerung! Die memoria passionis ist ihr Auftrag.

 

Indem die christliche Kirche/die Gemeinde sich immer wieder der Leidens- und Sterbens-Geschichte Jesu erinnert – und eben nicht einer strahlenden Helden- und Sieger-Geschichte – ist sie mehr als nur eine Buch-Religion, sie wird zu einer leidensempfindlichen Religion!

Sensibilität für fremdes Leid gehört zu ihrem Wesen. Es gibt kein fremdes Leid, auch das Leid des Feindes ist Christen nicht fremd, darf ihnen nicht fremd sein!

 

Es gibt viele Stellen in der Bibel, die genau davon handeln – von Hiobs Leidensgeschichte bis zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter …

In zahllosen Geschichten des neuen Testaments richtet sich Jesu Blick auf die Leidenden, Kranken, Ungetrösteten, Benachteiligten, Ausgegrenzten …

„Selig sind die Trauernden“, sagt Jesus in der Bergpredigt. „Was ihr getan habt einem unter diesem meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan …“ (Matth. 25/40).

 

Das Gedächtnis des Leids und der Leidenden in der Erinnerungsgemeinschaft, die die Kirche ist, die „teilnehmende Wahrnehmung fremden Leids“ (Johann Baptist Metz)

-    das meint nicht Wehleidigkeit, nicht unfrohen Leidenskult, nicht billiges, folgenloses Mitleid!

 

„Mitleid“ – da Wort ist ja ziemlich in Misskredit geraten, Mitleid steht in dem Verdacht, Leiden und Ungerechtigkeiten durch Sentimentalität zu verschleiern, zu verkleistern…

 

Worum es vielmehr geht, das lässt sich am genauesten mit dem von Willy Brandt geschätzten und oft verwendeten Wort „Compassion“/Compassion, also Mitleidenschaft/Mitleidenschaftlichkeit bezeichnen: Aus der teilnehmenden Wahrnehmung des Leids anderer soll Ermunterung, Ermutigung, Anstoß werden zum Einsatz für die Leidenden, für die Schwachen, für die Ausgegrenzten, die Unterdrückten, die Benachteiligten … „Was ihr dem Geringsten getan, das habt ihr mir getan.“

 

Das ist ein höchst anspruchsvolles Programm, das ist mehr und anders

-    als eine sich selbst privatisierende Kirche (die sich aus der Öffentlichkeit, aus dem sozialen und politischen Streit zurückzieht oder zurückdrängen lässt: „Religion sei doch Privatsache …“);

-    als die „kleine Herde“, die unter sich bleiben will, die sich einigelt (angesichts widriger, religionsfeindlicher/-fremder säkularer Umwelt);

-    als eine Servicekirche zur Befriedigung der privaten Lebensrahmen-Bedürfnisse (Taufe, Trauung, Beerdigung…);

-    als Religion als Stimmung, als Wellness der Seele, als bloße Innerlichkeit und Gefühligkeit, als ästhetische Verzauberung …

 

„Tut dies zu meinem Gedächtnis“ – das ist, so meine ich, ein Anspruch.

 

Ein Anspruch der sich gegen mitleidloses Vergessen richtet. Ein Anspruch gegen Amnesie, gegen das Versinken im Hier und Jetzt.

 

Ein Anspruch gegen moralische Erblindung, gegen die Verkleinerung der moralischen Maßstäbe (die das mitmenschliche Engagement unter einem Selbstverwirklichungs-Vorbehalt stellt).

 

Das Christentum als Erinnerungs-Religion, die Kirche als Gedächtnis-Gemeinschaft der memoria passionis – das ist (eben) nichts Rückwärtsgewandtes, nichts Vergangenheits-Fixiertes, darf es jedenfalls nicht sein!

 

Es ist vielmehr Einspruch:

-    gegen das kollektive Verdrängen von Leid und Schuld,

-    gegen das Beschönigen und Verharmlosen eigener Verantwortung,

-    gegen die Folgenlosigkeit von Ritualen der Vergangenheitsbewältigung.

 

Der christliche Glaube ist Widerspruch gegen die ökonomische Reduzierung des Menschen auf seine beiden Rollen, in denen er auf dem Markt nur vorkommt: nämlich als Arbeitskraft und Konsument. Er ist das geradezu störrische Bestehen auf der Würde auch des Schwachen, Armen, Unterdrückten, Leidenden, Kranken, Behinderten, Sterbenden.

 

„Tut dies zu  meinem Gedächtnis“ – das nicht einfach nur eine Aufforderung zu einem frommen Innehalten, sondern zu einem aktiven Tun des Gedenkens, das sich im Heute dem Mitmenschen zuwendet.

     24. Februar 2013

(Potsdamer Passionspredigten 2013)