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20. September 2011

Beitrag zur Rede des Papstes im Bundestag für die Financial Times Deutschland

Wolfgang Thierse verfasste für die Financial Times Deutschland folgenden Beitrag zur Diskussion um die Rede des Papstes im Deutschen Bundestag, den die Zeitung in ihrer Ausgabe vom 20. September druckte:

"Bereits im Jahr 2006 hat Bundestagspräsident Norbert Lammert Papst Benedikt XVI. zu einer Rede im Deutschen Bundestag eingeladen. Er tat das nach eigenem Bekunden in der Erwartung, dass der Papst (angesichts des damals bevorstehenden 50-jährigen Jubiläums der Römischen Verträge) etwas zu den geistigen Grundlagen Europas sagen würde. Diese Einladung hat Lammert vor kürzlich wiederholt; er hat dafür die Zustimmung des Ältestenrats des Bundestags gefunden; die Fraktionsführungen aller im Bundestag vertretenen Parteien haben dieser Einladung nicht widersprochen: Der Papst kommt also auf Einladung des deutschen Parlaments in das Hohe Haus! Er kommt als Staatsoberhaupt des Vatikanstaats und als Oberhaupt einer weltumspannenden Religionsgemeinschaft. Er ist das in einer Person.

Päpste sind in den vergangenen Jahrzehnten vor verschiedenen Parlamenten und vorder Generalversammlung der Uno aufgetreten. Aber dieser Papst ist seit Jahrhunderten der erste Deutsche im Papstamt. Es ist nicht zu erwarten, dass es diese Konstellation in den nächsten 100 Jahren wieder gibt. Seine Einladung ist deshalb verständlich, zugleich ist aber auch nicht zu erwarten, dass Papstauftritte im Deutschen Bundestag zur Regel werden - zur Beruhigung mancher Aufregung sei's gesagt.

Verletzt der Auftritt des Papstes im Bundestag die weltanschauliche Neutralität des Verfassungsorgans? Widerspricht dieser Auftritt der in unserem Lande geltenden Trennung von Staat und Kirche? Ich meine nicht und halte solche Befürchtungen für ziemlich übertrieben. Denn weder wird der Papst den Plenarsaal als Bühne für eine religiöse Ansprache oder eine Predigt nutzen, noch müssen die Abgeordneten den Ansichten des Papstes zustimmen oder muss das Parlament sich diese zu eigen machen. Innerhalb und außerhalb des Bundestags gelten Meinungs- und Religionsfreiheit, das gilt auch bei und nach dem Papstbesuch, selbstverständlich. Kein Abgeordneter ist übrigens gezwungen teilzunehmen - das war bei früheren Auftritten von Staatsoberhäuptern oder anderen Politik- und Geistesgrößen schon so. Aber es sollte auch in diesem Fall gute parlamentarische Sitte sein, dem Redner mit Respekt, vielleicht sogar mit Neugier zuzuhören. Erst danach übrigens kann man ein begründetes kritisches Urteil fällen. Mehr souveräne Gelassenheit bitte, liebe papstkritische Atheisten und Laizisten!

Was ich selbst von der Papstrede erwarte, ist einfach und schwierig zugleich. Er sollte darüber sprechen, was eine tief zerklüftete Welt auf friedliche Weise zusammenhalten kann, eine Welt, die durch Krisen und Kriege und ökonomische wie weltanschauliche Gegensätze zerrissen ist. Denn wir sehen doch, dass nicht die Märkte, nicht die Finanzströme und Finanzmanager, nicht die globalen Unternehmen dies leisten können. Es bedarf vielmehr gemeinsamer geistiger und ethischer Grundlagen und Werte, es bedarf fundamentaler Übereinstimmungen zwischen den verschiedenen Kulturkreisen, Interessenverbünden, Weltanschauungsgemeinschaften. Dazu könnte und sollte das Oberhaupt einer weltumspannenden, wirklich globalen Religionsgemeinschaft etwas zu sagen haben. Das intellektuelle Format dafür hat der Papst gewiss.

Ihm dabei zuzuhören heißt nicht, alle seine Überzeugungen in Fragen von Moral und Lebensgestaltung teilen zu müssen. Ihm zuzuhören wäre aber ein kleiner Beitrag des deutschen Parlaments und der Öffentlichkeit zu jenem Dialog zwischen den Kulturen, Religionen, Weltanschauungen, den so viele immer wieder fordern - um einer friedlichen Welt willen."