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12. Juni 2013

Rede von Wolfgang Thierse anlässlich der Übergabe des Schadow-Hauses an den Deutschen Bundestag

Herr Bundestagspräsident Norbert Lammert,

Vizepräsident Eduard Oswald,

Vizepräsident Hermann Otto Solms,

liebe Iris Gleicke,

liebe Petra Merkel,

sehr geehrte Frau Präsidentin des BBR (Frau Ruoff-Breuer),

verehrte Vertreter der Schadow-Gesellschaft Berlin,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

endlich ist es soweit: Nach langwierigen und aufwändigen Sanierungsarbeiten wird das Schadow-Haus an seinen künftigen Nutzer, den Deutschen Bundestag, übergeben! Das ist ein erfreulicher Termin, zu dem ich insbesondere alle Pressevertreter herzlich begrüße!

 

Der heutige Tag ist für Architekturfreunde ein spannender Tag und für Fach-Journalisten sogar eine sportliche Herausforderung, das vermute ich jedenfalls: In knapp zwei Stunden erfolgt die Grundsteinlegung für das Humboldt-Forum und noch einige Stunden später wird der Deutsche Architekturpreis 2013 vergeben. Aber so ist es in einer lebendigen Hauptstadt, die sich verändert und entwickelt – und die sich aktiv zu ihrer Geschichte, zu ihren historischen Prägungen verhält. Terminhäufungen sind nicht immer zu vermeiden. Aber ich denke, andersherum wäre es schlimmer.

 

Mit der Sanierung des Schadow-Hauses hat der Deutsche Bundestag Verantwortung für den Erhalt eines besonderen Bau und Kulturerbes unserer Hauptstadt übernommen – wie zuvor schon bei anderen, bereits wieder aufgebauten und in das Parlamentsviertel integrierten Gebäuden: dem Reichstagsgebäude, dem Reichstagspräsidentenpalais, dem Gebäude der ehemaligen Kammer der Technik (Dorotheenstraße 101), dem ehemaligen Kaiserlichen Patentamt (Luisenstraße 93).

 

Bei der Errichtung des Parlamentsviertels hat der Bundestag stets auf einen respektvollen und behutsamen Umgang mit vorgefundener Bausubstanz und kulturhistorischen Prägungen geachtet, dies war und ist ein Leitbild unserer Baumaßnahmen.

 

Im Falle des Schadow-Hauses war es mir als damaligem Bundes-tagspräsidenten auch ein wichtiges persönliches Anliegen, dass das geschichtsträchtige Gebäude erhalten bleibt und denkmalgerecht saniert wird. Schließlich lassen sich am Beispiel dieses letzten klassizistischen Künstlerhauses in der einstigen Dorotheenstadt facettenreiche Kapitel der nationalen Geschichte wie der Berliner Stadtgeschichte gleich zweier Jahrhunderte erzählen. (Darunter eben auch ein interessantes Kapitel über die Arbeitsweise und Anspruchshaltung der preußischen Bauverwaltung Ende des 18. / Anfang des 19. Jahrhunderts, Frau Ruoff-Breuer hat darauf hingewiesen.)

 

Der Bildhauer, Grafiker und Lehrer Johann Gottfried Schadow gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten der preußischen Kultur- und Kunstgeschichte. Er hat nicht nur die Quadriga für das Brandenburger Tor geschaffen, sondern auch das ebenso berühmte wie anmutige Doppelstandbild der Prinzessinnen Friederike und Luise von Mecklenburg-Strelitz, das Grabmal des Grafen Alexander von der Mark und viele andere bedeutende Skulpturen und Denkmäler. Dass ihm Friedrich Wilhelm III. die Errichtung eines eigenen Wohnhauses mit Ateliers und Werkstätten finanzierte, geschah in Anerkennung seiner herausragenden künstlerischen Leistungen.

 

Die Familie Schadow bezog ihr neues Domizil in der damaligen „Kleinen Wallstraße“ im Jahre 1805 – und schon bald zählte das Bürgerhaus zu den wichtigsten kulturellen Adressen Berlins. Mitglieder der königlichen Familie gingen hier ein und aus, ebenso die bekanntesten Dichter, Maler, Bildhauer und Gelehrten jener Zeit, darunter auch die Gebrüder Humboldt.

 

Achim von Arnim beschrieb 1806 in einem Brief an Goethe seinen persönlichen Eindruck (Zitat): „Schadow hat sich ein zierlich festes Haus erbaut und beynahe zwey Jahre damit beschäftigt, es hat wahren Luxus in Basreliefen, in Friesen und Leisten, die Fenster mit Marmor eingefasst; sehr herrliche Kellerhälse im Hofe aus großen Marmorplatten auf viereckten Marmorsäulen ruhend.“ (usw.)

 

Die beiden prächtigen und figurenreichen Reliefs (Supraporten) an der Fassade, die Achim von Arnim anspricht, hatte Schadow mit einigen seiner Schüler geschaffen, unter ihnen Christian Daniel Rauch und Schadows Sohn Ridolfo. Dass wir heute wieder Gipsabformungen dieser Reliefs an der Fassade haben, verdanken wir dem Engagement der Schadow Gesellschaft Berlin. Herzlichen Dank!

 

Schadows Wohnräume und das Speisezimmer der Familie waren klassizistisch ausgemalt. Die Restauratoren haben zahlreiche Illusionsmalereien an Wänden und Decken freigelegt, die zum Teil unter bis zu acht Schichten aus Tapeten, Anstrichen, Verkleidungen verborgen waren.

 

Als 1831 der befreundete Bankier Anton Bendemann mit seiner Familie in das 1. Obergeschoss einzog, wurden auch dessen Wohnräume mit aufwändigen Malereien ausgeschmückt. Anton Bendemanns Sohn Eduard (der 1838 Schadows Tochter Lida heiratete) schuf für einen der zum Hof gelegenen Räume das Wandbild „Die Künste am Brunnen der Poesie“, das jetzt ebenfalls aufwändig restauriert wurde. Dieses in Freskotechnik ausgeführte Wandbild zeigt Mitglieder der Familien Schadow und Bendemann und dokumentiert das Zusammenleben von Deutschen und Juden im Berlin des 19. Jahrhunderts.

 

Nach dem Tod Johann Gottfried Schadows im Jahre 1850 veranlasste sein Sohn Felix eine Reihe von Umbauten. Unter Erhalt des alten Dachstuhls ließ er ein 2. Obergeschoss aufsetzen. Ein halbes Jahrhundert später wurde das Haus an den Staat verkauft, der hier Dienstwohnungen einrichten ließ.

 

Dass dieses klassizistische Baudenkmal die Bombardements des Zweiten Weltkrieges und den erbitterten Kampf um Berlin überstanden hat, grenzt an ein Wunder. Die umliegenden Bauten lagen in Trümmern – und wurden nach und nach abgetragen.

 

In den Nachkriegsjahren bewirtschafteten Künstler und Gewerbetreibende das Gebäude, zeitweise lebten hier bis zu 10 Wohnparteien. Im Jahre 1948 nutzte beispielsweise der Bildhauer Bernhard Heiliger ein Atelier in der ehemaligen Gipsformerei des Schadow-Hauses, bevor er im Januar 1949 nach Berlin-Dahlem umzog. In den DDR-Jahrzehnten stand das Gebäude zwar auf der Denkmalliste, aber es wurde schlecht gepflegt und falsch saniert. Mitte der 90er war es in einem erbärmlichen Zustand.

 

Meine Damen und Herren,

 

ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich sage, dass sich die Sanierungsarbeiten an diesem Baudenkmal für alle Beteiligten als spannende Zeitreise, als enorme fachliche Herausforderung und als erhebliche Geduldsprobe gestalteten.

 

Weder der Bauherr noch die beteiligten Fachleute haben voraus-sehen können, welcher kunsthistorische Reichtum sich unter den vielen Putz- und Farbschichten verbirgt und mit welchem Zeit- und Arbeitsaufwand diese Werke freigelegt, restauriert und konserviert werden müssen.

 

Auch die Klärung der statischen Probleme, die schrittweise Erkundung alter Bauschäden (Hausschwamm, Risse im Mauerwerk, gebrochene Balken), die aufwändige Restaurierung der Bausubstanz und des (zu DDR-Zeiten) mit Holzschutzmitteln kontaminierten Dachstuhls erforderten erhebliche Ausdauer und schmerzliche Zugeständnisse – an die Zeitplanung und an das Kostenmanagement. Es ähnelte manchmal der Quadratur des Kreises: ein Gebäude von 1805/1851 denkmalgerecht herzurichten und zugleich die Anforderungen des heutigen Brand- und Arbeitsschutzes, der modernen Haus- und Kommunikationstechnik, der Gebäudesicherheit und der Barrierefreiheit zu erfüllen.

 

Das Landesdenkmalamt war uns in diesen Jahren ein wichtiger, aber beileibe kein einfacher Partner! Über manche Vorgaben des Denkmalamtes haben wir in der Bau- und Raumkommission des Ältestenrates durchaus gestaunt und heftig diskutiert – mit allen verantwortlich Beteiligten und Partnern. Aber bei aller Härte – in der Sache ging es fair zu.

 

Und wenn ich heute durch das Schadow-Haus gehe und das Ergebnis dieser langjährigen Zusammenarbeit sehe, sage ich: All diese Diskussionen um denkmalpflegerisch angemessene und zugleich kostenmäßig vertretbare Lösungen haben sich gelohnt!

 

Der Bundestag hat – mit den beteiligten Partnern – ein herausragendes Bau- und Kulturdenkmal gerettet. Es wird künftig durch den Deutschen Bundestag genutzt, wahrscheinlich (idealerweise) durch jenes Fachreferat, das für die umfangreiche parlamentarische Kunstsammlung, für die Betreuung unserer Kunst-am-Bau-Werke, für Kunstausstellungen im Bundestag und anderes mehr zuständig ist. Die Abstimmungen darüber dauern an.

 

Allen, die an der Sanierung und Herrichtung des Gebäudes beteiligt waren und zum Teil auch noch sind (es gibt einige Restarbeiten!), gilt unser Dank:

– dem BBR mit seinen verschiedenen Fachabteilungen,

– dem Architekten,

– den Restauratoren,

– dem Landesdenkmalamt,

– den Tragwerksplanern, Gebäudeausrüstern, Elektrotechnikern,

– den Bauarbeitern, den Handwerkerinnen und Handwerkern, die

   hier gearbeitet haben.

 

Ich danke auch den an der Sanierung beteiligten Referaten in der Bundestagsverwaltung, Herrn Göggelmann, Herrn Nettekoven, Herrn Kipp, Herrn Kolodziej und all ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

 

An der Einweihung des Schadow-Hauses im Jahre 1805 hatte – so ist überliefert – auch Königin Luise (die Gattin von Friedrich Wilhelm III.) teilgenommen. Mit so viel Glanz und Prominienz können wir heute nicht mehr dienen! Dafür aber erstrahlt jetzt endlich das letzte klassizistische Künstlerhaus in alter Schönheit – und das ist doch ein echter Gewinn! Und es ist ein wirkliches Geschenk an die Stadt Berlin!

 

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!