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6. Juni 2010

© (c) Deutscher Bundestag / Lichtblick/Achim Melde

 

Vom Unterscheiden politischer Lehre und Evangelium - Predigt in der St. Matthäus-Kirche

Wolfgang Thierse hielt am 6. Juni 2010 in der St. Matthäus-Kirche in Berlin eine Predigt zum Thema "Vom Unterscheiden politischer Lehre und Evangelium".

 

Vom Unterschieden politischer Lehre und Evangelium

„Aber zu Beginn ist es sehr von Nöten, die Politik vom Evangelium zu unterscheiden und
die Meinung der Unerfahrenen zu widerlegen, die träumen, das Evangelium sei nichts
anderes als eine politische Lehre, der gemäß die Staaten einzurichten seien.“
Dieser Satz steht in MelanchthonsWerk „Comentarii in aliquot politicos libros Aristotelis“,
geschrieben 1530/31.

War der junge Philipp Melanchthon in den Jahren zuvor, gewissermaßen infiziert von der
Euphorie der Reformation, noch der Überzeugung, alle Lebensfragen – auch die des
weltlichen Regiments – ließen sich unmittelbar beantworten im Lichte der neuentdeckten
Wahrheit des Evangeliums, so änderte sich seine Einstellung unter dem Eindruck des
Bauernkrieges von 1525. Die Frage nach der staatlichen Ordnung wurde wichtig angesichts
der als bedrohlich empfundenen „Schwarmgeisterei“. Melanchthon wandte sich Aristoteles
zu, hielt 1527 Vorlesungen zu dessen „Nikomachischer Ethik“ und gab Kommentare zu den
politischen Büchern des Aristoteles heraus. Diese Hinwendung zur Aristotelischen Politik
in der reformatirischen Theologie bedeutete nun faktisch eine Reduzierung des geistlichen
Ordnungsanspruches, wie er damals und in der ganzen Geschichte der Kirche üblich
gewesen war. Sicher hatte der Fürst nach lutherischer Auffassung sein Amt von Gott und
mußte seine Amtsführung vor Gott verantworten, aber Luther empfahl doch zugleich, der
Fürst solle sein Landrecht befragen, nicht Christus. Und Melanchthon meinte, im
Evangelium sei „keine lehr vom gemeinen wesen“ zu finden. Beides heißt doch wohl, daß
die politische Herrschaft als weltliche Aufgabe nach ihren eigenen Gesetzen zu führen sei.

Das ist uns durchaus vertraut – unter der Formel der Lutherschen „Zwei-Reiche-Lehre“.
Daß man mit der Bergpredigt keine Politik machen könne, ist ein oft wiederholter
Gemeinplatz. (Ob der richtig ist, soll heute nicht mein Thema sein.) Aber die
Unterscheidung von Politik und Religion, die Trennung von Staat und Kirche – sie sind uns
selbstverständlich, weil sie beide Ergebnis einer langen mühevollen Entwicklung seit der
Reformation sind. Wir leben in Kirchen, die durch diesen die Moderne prägenden
Aufklärungsprozeß hindurchgegangen sind: einen Prozeß der Individualisierung von
Religion (auch deren Privatisierung) einerseits und andererseits der Säkularisierung des
Gesellschaftlichen, des Politischen. Beides ging Hand in Hand. Das war auch ein Prozeß der
„Mäßigung“, der „Verbürgerlichung“ von Religion, also auch von deren Entradikalisierung
und Entschärfung und zugleich der Zunahme ihrer Toleranzfähigkeit – so wurde erst
Religionsfrieden möglich.

Trotzdem halten wir als Christen daran fest, daß es keinen bloß geglaubten Glauben geben
kann. Der gelebte christliche Glaube ist notwendigerweise auch gesellschaftliche Praxis, hat
öffentlichen Anspruch, ist also im vernünftigen und weiten Sinne desWortes auch politisch.
Christlicher Glaube ist ja nicht nur das FürWahr Halten von Glaubenssätzen, sondern
beansprucht existenzielle Verbindlichkeit – als Gegenteil von verbürgerlichter
Gemütlichkeit, von Einverstandensein mit dem, was wir Menschen und unser
gesellschaftlicher Zustand jeweils schon sind.

Wir sprechen also von einem unausweichlichen Spannungsverhältnis zwischen Politik und
Evangelium, zwischen Religion und Politik. Religion handelt vom Absoluten – Politik ist die
Sphäre des Relativen, des Vorläufigen. In der Politik geht es um dasWohl, in der Religion
um das Heil der Menschen. Diese Unterscheidungen gilt es festzuhalten.
Warum nun ist die Melanchthonsche Unterscheidung so wichtig, auch und gerade heute:

  • In Zeiten einer – nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation – neuen Unübersichtlichkeit,
    ja Unordnung in derWelt;
  • In einer Zeit, in der wir das Ende des ehemals so selbstverständlichen Wohlstandswachstums
    erleben;
  • Angesichts einer dramatischen Finanzmarktkrise, der Erschütterung jenes Kapitalismus,
    wie er sich in den letzten 20 Jahren entwickelt hatte.

Wir wissen aus der Geschichte: Zeiten der Zukunftsverunsicherungen und Ängste, der
bedrohlichen Problemfülle und sozialen Nöte, der Unzufriedenheit und Ungeduld sind
Zeiten besonderer politischer Verführbarkeit durch Populisten, politische Heilslehrer,
Fundamentalisten, durch politische Religionen oder religiös überhöhte Politik.
Was passieren kann, wenn sich Unzufriedenheit und Angst und Verzweiflung (bei denen
unten in der Gesellschaft) mit Demokratieverachtung und Maßlosigkeit und
Verantwortungslosigkeit (bei denen oben in der Gesellschaft) paaren, wenn wirtschaftliche
Verlierer und gesellschaftliche Eliten sich zu einer Abkehr vom demokratischen System
verbünden, das hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts gezeigt, gerade auch in
Deutschland. Auch wenn sich Geschichte so nicht wiederholen wird: das Potential
autoritärer, demokratiefeindlicher Haltungen ist in allen Demokratien vorhanden und es
nimmt zu, wenn wirtschaftliche Modernisierungsschübe und Krisen den gesellschaftlichen
Zusammenhalt gefährden.


Angesichts der Problemfülle und des Veränderungsdrucks, angesichts von Zukunftsängsten
und sozialer Verunsicherung wächst bei nicht wenigen Menschen das Bedürfnis nach den
einfachen Antworten und den starken Verheißungen, nach der befreienden Erlösung von
der Problemlast. Aber in den Parlamenten und Regierungen sitzen keine Erlöser, sondern
ganz irdische Volksvertreter, die sich um irdische Antworten auf Streitfragen, um möglichst
gute Lösungen aktueller Probleme bemühen: Die Politik, die Demokratie ist die Sphäre des
Relativen und nicht des Absoluten; demokratische Politik verteidigen heißt deshalb, immer
wieder ernsthaft und mühsam und leidenschaftlich die notwendigen Veränderungen
aussprechen, diskutieren, mehrheitsfähig machen und sie Schritt für Schritt verwirklichen;
das sind alles zeitraubende, schweißtreibende, Geduld erfordernde, durch Enttäuschungen
gezeichnete und gefährdete Vorgänge! Aber so ist demokratische Politik nun einmal. Mit
der Befriedigung von Erlösungsbedürfnissen hat das alles wenig zu tun, eher schon mit
derer regelmäßiger bitterer Enttäuschung! Doch das ist allemal besser, als jene
Vermischung von säkularisierter Religion und politischer Heilslehre, wie sie für die beiden
Diktaturen des 20. Jahrhunderts charakteristisch war.


Demokratische Politik ist nicht identisch mit wirtschaftlichem Erfolg, sie garantiert nicht
problemlosWachstum undWohlstandsmehrung. Sie wird allerdings oft – als Forderung,
alsWunsch, als Erwartung – damit gleichgesetzt. Für die Stabilität einer Demokratie ist
vielmehr soziale Gerechtigkeit eine wesentliche Bedingung, weil davon abhängt, ob die
Demokratie von allen und insbesondere von den schlechter gestellten Bürgerinnen und
Bürgern als für ihr Leben dienlich und sinnvoll angesehen wird.Wenn das
Gerechtigkeitsempfinden vieler durch die Politik oder die wirtschaftlichen Verhältnisse
oder wirtschaftlichen Akteure systematisch verletzt wird, kann weniger erwartet werden,
daß die demokratischen Regeln gestützt werden. Insofern ist Gerechtigkeit eine
wesentliche Legitimationsgrundlage des demokratischen Staates und des
gesellschaftlichen Zusammenhalts.


Die politische Gemeinschaft einer Demokratie wird bei allen kulturellen,
weltanschaulichen, sozialen Differenzen erst durch eine elementare Übereinstimmung in
Fragen der Gerechtigkeit und der Menschenwürde gestiftet, das heißt durch eine
wechselseitige Anerkennung von Rechten, die es den Menschen ermöglicht, neben ihrer
Rolle als konkurrierender Marktteilnehmer die Rolle des kooperierenden Bürgers
einzunehmen und damit den Standpunkt des reinen Eigeninteresses hinter sich zu lassen.
Vielleicht eröffnen die Erschütterungen der aktuellen Finanzmarktkrise eine neue
Renaissance von demokratischer Politik und demokratischem Staat, national und
international. Die Krise beweist jedenfalls die hohe Staatsbedürftigkeit sowohl des Marktes
wie der Demokratie. Der Primat demokratischer Politik gegenüber den zuvor allgewaltig
propagierten „Selbstheilungskräften des Marktes“ muß und kann wiedergewonnen
werden. Nutzen wir die Chance für die öffentliche Diskussion systematischer Fragen und
Antworten, die über die aktuellen und notwendigen Hilfsmaßnahmen zur Krisenbehebung
weit hinausgehen! Eine dieser Fragen heißt:Was alles darf (vollends) zurWare werden,
dem Markt allein überlassen werden, was nicht: Bildung, Gesundheit, Kultur, Zugang zu
den natürlichen Ressourcen, innere und äußere Sicherheit?Was muß vielmehr öffentliches
Gut bleiben oder wieder werden, über dessen Zugänglichkeit demokratische Politik, also
fürs Gemeinwohl verantwortliche Bürger entscheiden können und dürfen und müssen –
Politiker, die sich für ihre Entscheidungen vor Bürgern verantworten müssen, nicht vor
Aktionären.


Und zwar entscheiden nach Maßstäben, die nicht die des Marktes, des wirtschaftlichen
Erfolges sind – sondern Maßstäbe der Menschenwürde, der Gerechtigkeit, der Solidarität.
Und hier kommt wieder das Evangelium ins Spiel, das keine Handlungsanweisungen für
tagespolitische Fragen liefert, aber eben solche Maßstäbe!

Die frohe Botschaft des Evangeliums von der Gotteskindschaft, ja der
Gottesebenbildlichkeit des Menschen, sie bietet den unhintergehbaren Maßstab, ist die
tiefste Begründung für eine Gerechtigkeitspolitik, die sich aus der gleichenWürde jedes
Menschen ableitet, denn jeder Mensch ist Kind Gottes. Diese frohe Botschaft ist der
störrische und leidenschaftliche Einspruch gegen die Reduktion des Menschen auf seine
beiden Rollen, die er auf dem Markt spielt: nämlich Arbeitskraft und Konsument zu sein.
Für das Evangelium bemißt sichWert undWürde von Menschen nicht an Leistung, Erfolg,
Geldbeutel, Schönheit, Cleverness. Das Evangelium handelt von derWürde der Leidenden,
der Scheiternden, der Behinderten, der Kranken, der Sterbenden, der Armen. Es ist ein
befreiender Einspruch gegen die Entmoralisierung der sozialen Beziehungen, weil es ein
entschiedener Einspruch ist gegen die Dominanz des Ökonomischen wie auch gegen die
Absolutsetzung des Politischen.


Das macht die Unterscheidung von Evangelium und Politik, auf die Philipp Melanchthon
Wert gelegt hat, so wichtig und aktuell:Wirtschaft und Politik sollen und müssen nicht
heilig gesprochen werden; sie haben dienende, dem Menschen dienende Funktion; in ihnen
soll vernünftig und gemeinwohlorientiert verfahren werden. Politik ist befreit von der
Aufgabe, für das Heil der Menschen zu sorgen, aber sie soll sich um dasWohl der
Menschen, möglichst aller, kümmern. Politik soll und kann frei sein von totalitären
Ansprüchen; Politik und also Politiker sind nicht für alles zuständig – auf keinen Fall für
Erlösung! Genau das aber gibt lösungsorientierter, pragmatischer Politik, demokratischer
Politik ihren Ernst, ihreWürde. Und befreit und beschützt zugleich christliche Religion vor
ihrem Mißbrauch zur Begründung von Parteipolitik, von politischer Macht, gar von Gewalt!

Die Unterscheidung Melanchthons weist auf das Spannungsverhältnis hin, das für Politik in
der Demokratie geradezu konstitutiv ist. Genau im Sinne der Melanchthonschen
Unterscheidung war Alexandre de Tocqueville der Überzeugung: Demokratische
Gesellschaften brauchen Religion, Despotien nicht.