5. Oktober 2011

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Bürgerkanzel: Predigt von Thierse in der Gedächtniskirche

 

Wolfgang Thierse

„Wovon lebt der Mensch?“


Predigt am 2. Oktober 2011 in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (in der Reihe: Bürgerkanzel gefragter Glaube 2011 – 2012)


Liebe Schwestern und Brüder!

Sie kennen gewiss alle schon die Antwort auf die Frage, die mir als Überschrift für meine Kanzelrede aufgegeben ist: „Wovon lebt der Mensch?“
Die biblische Antwort nämlich, wie sie im Matthäus-Evangelium steht:
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“

Die Versuchung Jesu – so ist der Abschnitt des Evangeliums überschrieben, aus dem diese Antwort stammt.

Versuchungsgeschichten – es gibt mehrere davon in der Bibel – sind Geschichten davon, worauf Menschen ihr Leben gründen, worauf sie in der Entscheidungssituation setzen, woher und woraufhin Menschen leben/leben sollen. Es sind Geschichten von Konflikten und Leiden, von Bewährung und Verrat, Geschichten von Entscheidungen um Gottes Willen, für ihn oder gegen ihn, für den Auftrag Gottes oder die Erwartungen der Welt, der Menschen. Denken wir nur an das Alte Testament, an die Geschichten Gottes zum Beispiel mit Abraham, mit Moses, mit Hiob – die allesamt von Gott in die Versuchung geführt werden, so dass sie sich in Macht und Leiden, in Gehorsam und Widerspruch zu bewähren haben. So wie auch Jesus in dieser Geschichte vom Geist, von der Geistkraft (wie eine modernere Übersetzung sagt) in die Wüste, also in die Versuchungs- und Bewährungssituation geführt wird: Treue zu Gott oder Verrat an ihm zugunsten von Macht und Erfolg. Treue zu Gott oder zur Welt?

Diese Alternative scheint mir selbst eine Versuchung dieses Bibeltextes zu sein – sie hat ja auch in der Geschichte der Kirchen, im Leben der Christen immer wieder eine Rolle gespielt. Da konnte und kann die Versuchungsgeschichte Jesu idealistisch und ethisch-emotional gelesen werden als generelle, als radikale Absage an die böse Welt (weil sie eine Welt des Bösen ist); da gerät politisches, wirtschaftliches Handeln unter Generalverdacht; da gerät jeder Umgang mit Macht zur Versuchung; da sind politische und soziale Befreiungsversuche (egal ob revolutionären oder reformerischen Charakters) als falsche Selbsterlösung diskreditiert worden … Was war, was ist nicht alles des Teufels! (Jedenfalls in einer fundamentalistischen oder innerlichkeitsfixierten Lesart solcher biblischen Sätze wie des Christentums überhaupt!)

Lassen Sie mich die vier Verse vorlesen, um die es geht (Matthäus 4, 1-4):
Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er vom Teufel versucht würde.
Und da er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich dass diese Steine Brot werden.
Er aber antwortete: Es steht geschrieben: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“.

Wie Hiob (im Alten Testament) nimmt Jesus hier auf sich, was geschieht:
Hungern 40 Tage und 40 Nächte lang, kein Brot, lange Tage und lange Nächte ausgesetzt dem Nichts. Wenn Jesus wahrer Mensch ist, und die Evangelien lassen keine Zweifel daran, dass das so ist, muss er nach dieser Zeit physisch am Ende angekommen sein. Und gerade jetzt – im Moment kreatürlichster Schwäche, es geht um das nackte Leben – tritt der Versucher, der Diabolos, an Jesus heran. Der Versucher hat sich das so ausgerechnet, es ist von ihm genau geplant: Da, wo ein Mensch in der Stunde der äußersten Entbehrung bereit ist, jedem zu folgen, da kommt der Versucher: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden“.

Sollte das wahr sein – Sohn Gottes? Sollte er nicht gerade jetzt diese Sohnschaft annehmen dürfen! Sollte er das Recht des Sohnes nicht ausüben dürfen? Sich in der Stunde der höchsten kreatürlichen Not sich selbst und dem Versucher beweisen, dass er, Jesus, nicht nur Mensch, also Kreatur, sondern Sohn Gottes ist?

Jesus zögert nicht. Der Text ist ganz lapidar, er übermittelt eine unmittelbare und glasklare Reaktion. Es gibt kein Abwägen, kein Niederkämpfen des Hungers, kein Ringen zwischen Geist und Körper. „Es steht geschrieben: der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes kommt. Jesus antwortet mit Worten aus der Thora, dem Gesetzbuch der Bibel aus Deuteronomium, dem 5. Buch Mose, Kapitel 8,3. Dieses Zitat „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Munde des Herrn geht“ erinnert an das Mannawunder, das dem Volk Israel in der Wüste geschehen ist.
Erinnert an eine kollektive, von Angst befreiende Erfahrung des Volkes Israel, das in seinem Gedächtnis aufbewahrt ist: die Erinnerung an ein eingehaltenes Versprechen Gottes in der Stunde höchster Not, wo es um Leben und Tod ums Über-Leben ging.

Ist das nun eine wirklich tragfähige Antwort auf die bohrende, unbequeme Frage: Wovon lebt der Mensch? Die Frage nach Grund und Sinn des Lebens? Die Frage danach, was unserem Leben Format, Qualität, Würde gibt? Wodurch es überhaupt menschenwürdig und lebenswert wird? Machen wir unser Leben selbst? Finden wir den Lebenssinn in uns, gänzlich in uns selbst?

Die Antwort bei Matthäus haben wir gehört; die Antwort in der heutigen Schriftlesung (also Lukas Kapitel 12 Vers 15) auch: „Hütet Euch vor aller Habgier, denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat“; oder denken Sie an das wunderbare Gleichnis von den Vögeln im Himmel und den Lilien auf dem Felde – das sind 3 von vielen unmissverständlichen biblischen Absagen an eine Kultur des Habens, des materiellen Reichtums und des Besitzes, Absagen an eine Kultur, in der sich der Wert des Menschen danach bemisst, was er hat – und weniger, was er ist.

Wo Eigentum der wichtigste Wert ist, das erleben wir doch, beherrscht es auch das Denken. Ökonomische Ziele, Interessen, Spielregeln bestimmen, was vernünftig sein soll. „Wirtschaftliche Sachzwänge“ verbieten offensichtlich jeden folgenreichen Gedanken daran, dass es auch um anderes geht, gehen muss. Freiheit verstanden als Konsum und Bereicherung wird irgendwann zur Ausweglosigkeit, führt in die Abhängigkeit des „Terrors der Ökonomie“.

Sind die zitierten biblischen Worte aber nun Absagen überhaupt an die Welt? Forderungen nach einer „Entweltlichung“ des christlichen, kirchlichen Lebens? Aufforderungen zur Verinnerlichung, gar Privatisierung des Glaubens? Verachtung des wirklichen sozialen Lebens, unserer materiellen Existenznöte?

Nein, das sind sie nicht. Sie rücken allerdings die Maßstäbe zurecht: „Nicht vom Brot allein … lebt der Mensch.“ „Wer sich Schätze sammelt ist nicht reich (für Gott)“.

Die ganze Bibel – wenn ich sie nur ein wenig verstanden habe – entwirft eine bestimmte Vorstellung vom Menschen. Erinnern Sie sich an das Gleichnis von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln im Himmel? Dort begegnen wir einem Menschenbild, das den Menschen zunächst auf eine Stufe mit den anderen Geschöpfen stellt. Ohne jede Geringschätzung der natürlichen Bedürfnisse („Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft“) sind wir Menschen Teilhaber an einer Schöpfung, deren Schöpfer es sich angelegen sein lässt, darin nicht nur das Nötige, sondern auch das Schöne gedeihen zu lassen; ja sie beschämt uns sogar, wenn wir uns schöner und reicher machen wollen – wie „Salomo in seiner Herrlichkeit“, der an die Schönheit der Lilien auf dem Felde doch nicht heranreichen kann. Das Gleichnis, das uns Genügsamkeit und Bescheidenheit lehren will („Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“), zielt auf eine entscheidende Wende, seine eigentliche Pointe: „Seid ihr nicht viel mehr als sie?“

Was ist es, was uns Menschen von anderen Geschöpfen unterscheidet? Davon ist die Rede: die Sorge, das Streben nach mehr, schließlich die Angst vor dem Tod. „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“ Das Gleichnis zeichnet uns ein Bild vom Menschen, in dem die Suche nach Sinn und Sicherheit, das Streben nach Wahrheit und ewigem Leben das Eigentümliche des menschlichen Wesens ist. Die christliche Wendung dieses Strebens heißt: „Trachtet nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit.“ Das Eigentliche und Unterscheidende des Menschseins, so lehrt uns das Gleichnis und die ganze Bibel, erhält durch den Ruf in die Gotteskindschaft seine hervorgehobene Würde.

Wenn wir das ernst nehmen, dieses Bild vom Menschen, die Vorstellung von der gleichen Würde jedes Menschen – in seiner Gotteskindschaft gründend, in seiner Gottebenbildlichkeit – wenn wir das ernst nehmen, dann wird daraus ein unhintergehbarer Maßstab, dann wird daraus ein radikaler Einspruch gegen die Reduktion des Menschen , die Reduktion auf seine beiden Markt-Rollen: Arbeitskraft und Konsument.
Wir sind aber mehr: Liebende, Kommunikationsbedürftige, in Gemeinschaft lebende, Sinnsuchende, über uns selbst hinaus Suchende und Glaubende…

Dieses Bild vom Menschen und von sinnvollem Leben ist die Erinnerung daran, dass sich Wert und Würde des Menschen nicht bemessen nach seiner Leistung, seinem Erfolg, seiner Schönheit, seiner Cleverness, nach der Eleganz seines Ellenbogeneinsatzes! Das sich Wert und Würde des Menschen nicht nach solchen Maßstäben bemessen dürfen!

Dieses Bild vom Menschen und von sinnvollem Leben ist die trotzige Erinnerung an die Würde des Leidens, des Scheiterns, des Behinderten, des Sterbenden, des Kranken, des Armen, des Fremde.

Dieses Bild vom Menschen und von sinnvollem Leben ist der Einspruch gegen die Entmoralisierung der menschlich-sozialen Beziehungen, gegen die Dominanz des Ökonomischen, des Zweckrationalen, des betriebswirtschaftlichen Denkens, des möglichst schnellen und großen Gewinns.

Dieses Bild vom Menschen und von sinnvollem Leben ist der Einspruch gegen die Allmacht des Marktes – der tendenziell alles zur Ware macht: Kultur, Bildung, Gesundheit, Sicherheit, natürliche Ressourcen. Über die Teilhabe an diesen Gütern entscheidet dann immer mehr der individuelle Geldbeutel, also Einkommens- und Reichtums-Unterschiede. Ein totalitärer Markt, der den vor dem Recht gleichen Bürger und vor Gott gleichen Menschen in den Kunden mit ungleicher Kaufkraft verwandelt.

Dieses Bild vom Menschen und von sinnvollem Leben ist die störrische Erinnerung daran, dass unsere Gesellschaft, unsere Welt nicht allein zusammengehalten werden von den Beziehungen und Regeln, die wir über den Markt und den Arbeitsprozess knüpfen und  einhalten;
und nicht allein durch das Recht;
und schon gar nicht durch die Börse, die Finanzmanager, durch die großen Unternehmen;
sondern durch gemeinsame Grundüberzeugungen, Hoffnungen, Werte, Vorstellungen vom Menschen und seiner Würde, von gemeinsamen Maßstäben von Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Frieden, Toleranz;
und auch durch überzeugende Vorstellungen von menschlichem Reichtum, von gelingendem Leben , von Lebenssinn – eben davon, wovon der Mensch lebt.

„Geiz ist geil“ – so heißt ein greller Werbespruch.
Nein, Geiz, Habgier, Egoismus – das sind bloß dem brutalen Kapitalismus angemessene Verhaltensweisen (mehr nicht): ständig an sich selber denken müssen, auf den eigenen Vorteil bedacht sein, rechnen und kleinkariert sein müssen – welch‘ seelische Armut ist das!
Wie befreiend dagegen, Zeit und Aufmerksamkeit und ja, auch Geld für andere Menschen verschwenden zu können;
aus dem Gefängnis der Ichsucht und der berechnenden Kalkulation ausbrechen und den wirklichen Reichtum der Welt, die Schönheiten des Lebens, die Vielfalt der Menschen und das Geschenk des Verschenkens erleben zu können!
Das ist es.
Großzügig leben, sinnvoll leben, das heißt nicht immerfort nur an die eigene Sicherheit, den eigenen Wohlstand, das eigene Renommee zu denken – am Schluss aber wird man genau dadurch reicher: außer sich sein, um endlich bei sich selbt ankommen zu können!
Schenken können, weil man sich selbst beschenkt weiß!
Dankbar sein können, weil man sich und seinen Lebensgrund nicht selbst machen, nicht selbst zusammenbasteln muss. Und aus der wunderbaren Freiheit der Dankbarkeit großzügig leben, also Zeit und Aufmerksamkeit und Engagement und Liebe und, ja, auch Geld an andere verschenken!
Davon und dafür lässt sich leben!
„Denn niemand lebt davon, dass er  viele Güter hat.“
Welch‘ Einladung!