19. April 2010

Rede zur Befreiung des KZ Sachsenhausen

Am 18. April 2010 hielt Wolfgang Thierse auf der Zentralen Gedenkveranstaltung anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen ein Grußwort.

 

Rede im Wortlaut

Wir gedenken heute all jener Menschen, die zwischen 1936 und 1945 im KZ Sachsenhausen interniert waren, die hier entrechtet, erniedrigt, geschändet wurden. Zehntausende verloren ihr Leben – durch Hunger, infolge von Krankheiten, Zwangsarbeit und Misshandlungen. Viele ermordete die SS ganz zielgerichtet – im Lager oder auf einem der Todesmärsche.

Wir verbeugen uns in Scham und Trauer vor den Opfern,

vor ihrem Leid,
vor ihrer Verzweiflung,
vor ihrer Hoffnung,
vor ihrem Mut.

Ich bin dankbar, dass Überlebende des Konzentrationslagers und ihre Angehörigen heute unter uns sind, um gemeinsam mit uns, den Nachgeborenen, an die Befreiung Sachsenhausens vor 65 Jahren zu erinnern.
Nur die Überlebenden selbst wissen, wie groß die Qualen waren. Nur sie verbinden mit den Orten des Grauens ganz konkrete Geschehnisse, bestimmte Personen. Sie erinnern sich an Mitge¬fangene und Tote, deren Namen und Schicksal sie kennen.

Wir anderen sind auf Übermittlung angewiesen. Noch können einige der Überlebenden Zeugnis ablegen, doch ihre Zahl wird immer kleiner. Nationalsozialismus, Krieg, organisierter Völker¬mord werden immer weniger lebendige Erfahrung von Zeitzeugen bleiben und immer mehr zu Ereignissen der Geschichte. Sie wechseln von persönlicher, individuell beglaubigter Erinnerung in das durch Wissen vermittelte kollektive Gedächtnis.

Doch diese Vermittlungsleistung geschieht nicht von selbst. Sie bedarf des Engagements der Nachgeborenen: des Engagements von Eltern und Lehrern, von Autorinnen und Autoren, von Künstlern und Wissenschaftlern, von Politikern und nicht zuletzt von Gedenkstätten, Museen und Dokumentationszentren – wie hier in Sachsenhausen, einem der authentischen Orte der Erinnerung.
Die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus ist Teil unserer nationalen Identität. Unser Grundgesetz verpflichtet uns, die Würde des Anderen, die Würde des Menschen zum unbedingten Maßstab unseres Handelns zu machen.

Verpflichtende Erinnerung, verpflichtendes Gedenken muss aber auch heutige und künftige Generationen im Blick behalten – um unserer Gegenwart und Zukunft willen.
Historische Aufklärung also ist und bleibt notwendig, sie soll und kann politisches Bewusstsein schaffen. Dass sie auch in Zukunft zur Trauer um die Toten, zur Empathie mit den Opfern führt, dessen können wir uns nicht mehr so sicher sein. Zur Dialektik der Aufklärung gehört eben auch, dass sie als einseitige, gar bloß rationale ihr Gegenteil bewirken kann, nämlich die Kälte der Verdrängung. Insofern darf gerade bei der Annäherung an die nationalsozialistischen Verbrechen nicht versäumt werden, das Entsetzliche so zu vermitteln, dass es auch mit dem Herzen erfahren und begriffen wird. Insofern ist Gedenken immer mehr als aufgeklärtes Wissen.

Zugleich gilt es, jungen Menschen historisches Wissen und emotionale Betroffenheit so zu vermitteln, dass sie eine Beziehung zur Gegenwart, also gegenwärtige moralische Sensibilität und politische Verantwortung ermöglichen. Betroffenheit, die bloß ratlos macht, Wissen, das folgenlos bleibt – solcherart Ergebnisse von Erinnerungsarbeit sind nicht menschengemäß und gesellschaft¬lich wirkungslos, womöglich sogar kontraproduktiv.

Die Gefährdungen der Demokratie, die Mechanismen von Stigmatisierung und Ausgrenzung, die Ursachen, Erscheinungs¬formen und Wirkungen von Intoleranz und Rassenwahn zu begreifen und mit diesem Wissen und Empfinden die Gegenwart zu beobachten und in ihr zu handeln – darum geht es!

Hannah Arendt sagte: „Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen, was sich daraus – für heute – ergibt.“

Das klingt bescheiden, aber dahinter steht ein hoher Anspruch: Nur Menschen, die sich erinnern, wie es gewesen ist, und daraus entschieden Konsequenzen ziehen, werden ein Bewusstsein von der Fragilität unserer Zivilisation entwickeln. Wenn in einer Gesell¬schaft Frieden und Freiheit herrschen, dann ist das kein Zufall, sondern es ist von Menschen gemacht. Daran mitzuarbeiten, dass sich nie wiederholt, was geschehen ist, bleibt immerwährender Auftrag an uns – und an folgende Generationen.