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31. Oktober 2017

Festrede zum Reformationsfest 2017 in Speyer

  

Wolfgang Thierse

Rede zur Festveranstaltung des Landes Rheinland-Pfalz

zum Reformationsfest 2017 in Speyer

 

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident,

sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

lassen Sie mich mit einer persönlichen Vorbemerkung beginnen: Ich bin weder Historiker noch Theologe, ich bin nicht einmal evangelisch. Es war also eine durchaus mutige Entscheidung, ausgerechnet mich zum 500. Reformationsjubiläum sprechen zu lassen. Das erfüllt mich jedenfalls mit Erstaunen und Bewegung. Denn ich bin aufgewachsen als Katholik in einem damals fast noch stockprotestantischen Teil Deutschlands, in Thüringen (einem Lutherland) – ich bin aufgewachsen mit all den Fremdheiten zwischen den Konfessionen, mit den (evangelischen) Vorurteilen gegen die Katholiken, gegen die man die eigenen (katholischen) Vorurteile mobilisierte. Die Nachwirkungen einer 400jährigen Spaltungsgeschichte waren noch ganz alltäglich gegenwärtig: „Die Katholiken sind falsch…“ – wie oft habe ich das damals gehört, wie oft hat mich das verletzt!

Und nun stehe ich hier als katholischer Christ aus der ostdeutschen Nachbarschaft und soll eine Festrede zum 500. Jahrestag des Lutherschen Thesenanschlags halten. So weit ist es also gekommen! So weit sind wir – noch immer konfessionsverschiedenen – Christen inzwischen gekommen! Dass mein Auftritt doch wirklich nichts mehr Sensationelles oder Befremdliches hat – so weit sind wir wirklich gekommen!

Wir haben nämlich – so hoffe ich -, so glaube ich – viel miteinander gelernt: Von und über Martin Luther in der ihm gewidmeten Dekade und am Ende dieses Jahres der besonderen Erinnerung an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren. Was gibt es zu feiern?

Die Reformation war gewiss zunächst und vor allem ein einschneidendes und folgenreiches kirchliches Ereignis. Dessen Wirkungen aber betrafen und betreffen nicht nur die Kirchen, sondern sie sind von allgemeingeschichtlicher, sowohl kulturgeschichtlicher wie national- und weltgeschichtlicher Art. Deshalb geht das Reformationsjubiläum nicht nur die Christen an, sondern auch Andersgläubige und Nichtgläubige: Wir alle, besonders in Deutschland, aber auch in Europa und in vielen Teilen der Welt, wir alle sind Kinder der Reformation!

Wie sähe unsere deutsche Kultur und Literatur aus (um damit zu beginnen) ohne die Kultur des evangelischen Pfarrhauses, ohne den Beitrag Luthers zur Entwicklung der deutschen Sprache! Seine Bibelübersetzung – jetzt spricht der Germanist aus mir – ist und bleibt unübertroffen. Das zeigen alle neuen Versuche moderner, zeitgemäßer oder gendergerechter Übersetzung auf gelegentlich sogar peinliche Weise. Wie wäre unsere Geschichte verlaufen ohne den Beitrag der protestantischen Ethik zur Lebens- und Wirtschaftsordnung unserer Gesellschaft!

Die Reformation hat unsere Nationalgeschichte geprägt wie kein anderes Ereignis vor dem 20. Jahrhundert: Sie war Ursache von bitteren Konfessionskriegen, von bis heute anhaltender konfessioneller Spaltung nicht nur in Deutschland. Religiös-kulturelle Differenzierung und Pluralität gehören seit dem zum besonderen Charakter Europas. Individualisierung und Wertschätzung der Person, Freiheit und Toleranz – deren Geschichte hat durchaus und wesentlich mit der Reformation zu tun.

Wir haben also gelernt, das Luther und die Reformation folgenreicher Teil unserer deutschen Geschichte sind und Teil der europäischen, ja der globalen Geschichte. Sie haben die Welt nachhaltig verändert. Die Reformation wurde zu einem weltgeschichtliches Ereignis – das hat dieses Jubiläumsjahr und insbesondere auch die „Weltausstellung der Reformation“ in Luthers Stadt Wittenberg, diesem Weltdorf, uns plastisch vor Augen geführt.

Wir kennen die dramatische Geschichte, wie dieser Mann Luther zum Mönch wurde, zum Theologen, zum Kirchenkritiker, zum Reformator, zum Kirchengründer. Angesichts des weltgeschichtlichen Folgenreichtums der Reformation darf nicht vergessen oder verdrängt werden, dass sie ein vor allem religiös verursachtes und bestimmtes Ereignis gewesen ist. Zunächst ein Protest – gegen Ablasshandel, gegen das Papsttum. Sodann die Neubegründung christlicher Religion – solus christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide. Was Luther mit dieser Wendung gelingt, bezeichnet der Historiker Heinz Schilling als „Reimplantation von Religion und Glauben in den europäischen Prozess der Zivilisation“. Luther sei so „Garant neuzeitlicher Religiosität“ geworden.

Wir wissen heute auch genauer, dass die 500jährige Geschichte der Reformation  gemeinsame christliche Geschichte ist – im Bösen wie im Guten, im konfessionellen Zwist und Streit, im Hass und in Gewalttaten – aber auch im Guten, in den immer wieder neuen Versuchen der Versöhnung, des Suchens nach der Wahrheit. Ich zitiere noch einmal Heinz Schilling: „So war der Weg zu Toleranz, Pluralismus und modern verstandener Freiheit begleitet von Fundamentalfeindschaft, abgrundtiefem Hass, zynischer Menschenverachtung und grausamer Gewalt“. Und es dauerte Jahrhunderte bis das „Tor zur befriedeten Multikonfessionalität“ aufgestoßen werden konnte.

Luther und die Reformation sind inzwischen längst Teil auch der Geschichte der katholischen Kirche geworden, sie haben auch diese nachhaltig verändert. Luther ist wirklich nicht mehr nur euer Eigentum, liebe evangelische Schwestern und Brüder! Er gehört der gesamten Christenheit! Das ist keine entschädigungslose Enteignung, versichere ich euch.

Wir haben auch gelernt, dass Luther facettenreicher und widersprüchlicher und anstößiger gewesen ist, als ihn das 16. bis 19. Jahrhundert monumentalisiert hat. Der Reformationshistoriker Thomas Kaufmann schreibt: „Luther war und ist eine anstößige Figur. Genau dies aber – anstößig – war er für die konfessionellen Triumphalisten der älteren Jubiläumskultur niemals. Auch für die ihn domestizierende und instrumentalisierende Geschichtspolitik des Kaiserreiches, des „Dritten Reichs“ und der späten DDR konnte und sollte er nicht anstößig sein. Doch ein Luther, an dem sich die Geister nicht scheiden, ist nicht Luther. Zu unfertig, zu wirkmächtig, zu genial und zu abgründig, zu kreativ und zu ambivalent ist sein Werk und war wohl auch sein Charakter. Wenn ein Gedenken an die Reformation und an Luther ‚staatstragend‘ und nicht dissonant ausfällt, das Anstößige seiner Person verbirgt, seine extreme Theologie in glatte Formen schmiedet, ist irgendetwas faul, dann besteht Anlass zu Misstrauen und Wachsamkeit“ (Zitatende).

Nun: Für Dissonanzen war ausreichend gesorgt in den vergangenen Jahren und Monaten, im Streit zwischen Theologen, Historikern und Kirchenoberen der evangelischen Kirche (auf die in dieser Hinsicht ja Verlass ist)!

Wir kennen die Geschichte der Reformation nach der Lutherdekade genauer, eine Reformation die mehr war und ist als Luther, die ein vielgestaltiger Prozess an vielen Orten war, eingebettet in die Geschichte der Renaissance und des Humanismus – deren Teil und deren Widerspruch sie zugleich war. Sogar Reformbewegungen im katholischen Italien und in Rom selbst gehörten dazu. Aber natürlich Jan Hus und Calvin und Zwingli und Müntzer viele andere und vor allem auch Erasmus, der uns Heutigen vielleicht sogar näher ist als der fremde Luther.

Ja, Luther ist auch ein Fremder – in seinen Ängsten, in seiner Unbedingtheit, seiner Radikalität, seinem Fundamentalismus (wie wir heute sagen würden), in seiner existentiellen Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Er war eben noch ein Mensch der mittelalterlichen Welt, der aber der christlichen Kirche einen Weg in die Neuzeit eröffnet hat. Den einzigen Weg?

Wir können uns heute auch an verpasste Chancen (die Kirchenspaltung zu verhindern, zu überwinden) erinnern, ohne nachgetragene unversöhnliche Schuldzuweisungen, ohne allzu viel Erbitterung. Die von dem Charismatiker Luther in Gang gesetzte Reformdynamik wurde ja erst endgültig zur Kirchenspaltung, als sie in die Fänge der Politik, der Landesfürsten und der europäischen Mächte geriet und der römische Papst allzu blind und zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. In den nachfolgenden Jahrzehnten begann – unter dem Zwang ihrer Selbstbehauptung und Institutionalisierung - die Verquickung von Thron und Altar, die Fürsten wurden schnell zu „Notbischöfen“ und zu Schutzherren, die obrigkeitliche Fixierung der evangelischen Kirche war eine lange nachwirkende problematische Folge. Zum Reformationsjubiläum gehört deshalb auch die kritische Beschäftigung mit diesem Teil der Kirchengeschichte und ebenso die Befreiung der Person Luthers von seiner Idolisierung im 19. Jahrhundert, seiner preußisch-deutschen Indienstnahme als Nationalheiligen. Das ist hoffentlich endgültig gelungen.

Da die Reformationsgeschichte auch eine Geschichte der Entzweiung war, gehört wohl auch ein wenig Trauer zu unserem Jubiläum. Ich bin jedenfalls froh, dass die Lutherdekade und die Jubiläumsfeiern fast ganz ohne Triumphalismus ausgekommen sind (in dem unsere beiden Kirchen, die katholische besonders, ja eine lange Tradition haben). Sie waren vielmehr geprägt von ökumenischem Geist, von beeindruckenden Versöhnungsgesten.

Das ist wahrlich nicht selbstverständlich, wenn man an frühere Jahrhundertjubiläen erinnert:

1617 -             das war der Vorabend des 30jährigen Krieges, der auch ein

Konfessionskrieg war; der Reformationstag wurde in diesem Jahr zum ersten Mal als sowohl kirchlicher wie auch staatlicher Feiertag begangen.

1717   -          ein Zeitalter, in dem sich die Kirchen in ihre konfessionelle

Festungen eingerichtet, eingeigelt hatten.

1817   -          da galt die Reformation als Beginn der Aufklärung im Gegensatz

zur katholischen Welt.   

Goethe war über diesen Gegensatz so besorgt, dass er sich in einem Brief an seinen Freund Zelter wünschte: „Dieses Fest wäre so zu begehen, dass es jeder wohldenkende Katholik mitfeierte“.

1917 -         mitten im 3. Kriegsjahr fiel – soll man sagen: zum Glück – die Feier

in Wittenberg aus. Aber Luther war längst zu einer nationalen Symbolfigur verkürzt und monumentalisiert worden.

 

Und heute, hundert Jahre später. Wir leben in unserem Land im Frieden, aber wir leben in einer unfriedlichen Welt, inmitten dramatischer Veränderungen -

durch die Globalisierung, also eine Welt von Entgrenzungen und  Beschleunigungen, durch die Digitalisierung, den demografischen Wandel, die Flüchtlingsbewegung. All dies zusammen erzeugt eine zwiespältige Gefühlslage im Lande zwischen positiver (ökonomischer und sozialer) Gegenwartsbeurteilung bei vielen Menschen und bei nicht wenigen überwiegen Zukunftsunsicherheit, Veränderungsängste, Benachteiligungsgefühle, Entheimatungsbefürchtungen.

Die politischen Folgen dieses Zwiespalts haben wir mit einigem Erschrecken am Wahlsonntag vor sechs Wochen erlebt.

Machen wir uns nichts vor. Trotz aller Veränderungsängste, trotz des verständlichen Wunsches nach Sicherheit, nach Bewahrung des Vertrauten, nach Schutz vor den Zumutungen des Fortschritts: Wir müssen uns darauf einstellen, dass unser Land sich weiter verändert und dass unser Land dauerhaft pluralistischer wird, also ethnisch und religiös-weltanschaulich und kulturell vielfältiger und widersprüchlicher. Dieser Pluralismus wird keine Idylle sein, sondern steckt voller sozialem, religiös-kulturellem und eben auch politischem Konfliktpotential! Wir müssen neu, immer wieder neu lernen, damit umzugehen und zwar friedlich.

So wie wir der Reformationstheologie – Melanchthon vor allem – die deutlichere Unterscheidung von Religion und Politik verdanken, so verdanken wir der Reformation auch eine andere weitreichende Konsequenz: Der Luther-Effekt (so der Titel einer Ausstellung in Berlin) - nämlich konfessionelle Zersplitterungen und Kämpfe – erzwangen und ermöglichten (beides gilt) die religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates und damit die individuelle Religionsfreiheit. Ein großes Geschenk! Dessen umfassende Verwirklichung in Europa und im Westen hat gewiss Jahrhunderte gedauert. Aber die durchaus widersprüchliche Geschichte der religiösen Freiheit hat doch mit Luther und der Reformation einen entscheidenden Anstoß erhalten. Und sie ist noch längst nicht zu Ende. Das gilt auch für unser Land. Für dessen Verfassung ist Gewissens- und Religionsfreiheit von fundamentalster Bedeutung, also ganz wörtlich Fundament der staatlichen Ordnung. (Es gilt eben nicht mehr „Wessen das Land, dessen die Religion“ – die Befriedungsformel des 16. Jahrhunderts.)

Der Staat unseres Grundgesetzes ist religiös-weltanschaulich neutral und ermöglicht so die Religionsfreiheit seiner Bürger. Er ist also kein säkularistischer oder laizistischer Staat, also auch kein Staat, der einen säkularen Humanismus vorzieht oder fördert und Religion aus der Öffentlichkeit verdrängt (wie das nicht wenige angesichts des Islam und der Muslime in unserem Land sich wünschen). Der moderne Staat ist säkular nicht dadurch, dass er Religion ausschließt, sondern dadurch, dass er die Koexistenz einer Vielfalt religiöser wie a-religiöser Überzeugungen ermöglicht und die Bürger dazu einlädt, aus ihrer jeweiligen Überzeugung heraus und nach gemeinsamen Regeln zusammenzuwirken, also über religiöse und kulturelle Unterschiede hinaus gemeinsam das soziale, kulturelle und politische Leben zu gestalten. Diese Einladung auszuschlagen ist für Christen nach der Reformation schlicht undenkbar, sie gilt ebenso auch für Juden, Muslime, Atheisten, Agnostiker. Der weltanschaulich neutrale Staat bleibt eben auf Menschen angewiesen, die sich in Weltanschauungs- und Religionsfragen nicht neutral verhalten – die sich aber ausdrücklich auf Fairness und Friedfertigkeit im Verhältnis zueinander verpflichten lassen!

Das ist unser religionsverfassungsrechtlicher Rahmen, von dem ich meine, dass er ein geeigneter, zukunftsfähiger Rahmen ist für die Herausforderungen von Religion und Weltanschauung in wachsendem Plural – als Folge offener Grenzen, als Folge von  Globalisierung und von Migrationsbewegungen.

Diesem Rahmen entspricht als individuell angemessenes Verhalten die herbe Tugend der Toleranz. Sie ist anstrengend, weil sie eben nicht bloß laissez faire, Indolenz, Desinteresse, Gleichgültigkeit, Beliebigkeit meint. Bei der Toleranz als einer Tugend der praktischen Vernunft geht es um die schwierige Verbindung von eigenem Wahrheitsanspruch mit der Anerkennung des Wahrheitsanspruchs des Anderen. Das müssten wir doch aus der Reformation und ihren Folgen, den bitteren Glaubenskriegen, endgültig gelernt haben! Und wir müssen es immer wieder neu lernen - auch dazu verpflichtet uns das Reformationsjubiläum. Toleranz als Respekt vor den Anderen, von mir Unterschiedenen ist Strukturprinzip eines lebbaren Pluralismus und Zentrum einer gelebten Kultur gleicher Lebens- und Freiheitsrechte in einer widersprüchlichen und in jeder Hinsicht bunten Gesellschaft.

 

Die Kirchen, die Christen sollen und können dazu einen gewichtigen Beitrag leisten. Denn gerade die Kirchen haben ja seit der Reformation einen langen und höchst mühevollen Erfahrungsprozess, eine bittere Lerngeschichte in Sachen Toleranz und Freiheit hinter sich. Nämlich: Zu lernen, auf politische Macht oder gar Gewalt zu verzichten zur Durchsetzung des eigenen Wahrheitsanspruchs, sich des Missbrauchs von Religion zur Begründung von Gewalt zu erwehren und ihm energisch zu widersprechen – ohne an Leidenschaft, an Überzeugungskraft zu verlieren und eine „lauwarme Religion“ werden zu müssen. An diese Lerngeschichte zu erinnern und heute zu zeigen, ja zu beweisen, dass und wie Toleranz und Freiheit praktisch gelebt werden können – dies, meine und hoffe ich, ist und bleibt der Sinn des Reformationsjubiläums. Und genau dies macht die Erinnerung an die Reformation wichtig – für die ganze Gesellschaft!

Noch nie waren Protestanten und Katholiken so nah beieinander wie in diesem Jubiläumsjahr 2017. Noch nie sind sie freundlicher miteinander umgegangen. Die beiden Kirchenchefs in Deutschland – Bischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx – treten fast schon als Zwillingspaar auf: Nichts kann sie mehr trennen. Papst Franziskus war zu Besuch in Lund beim Lutherischen Weltbund, der Rat der EKD hat den Papst in Rom besucht. Es gab ein gemeinsames Christusfest, es gab viele gute Worte des Miteinanders und mancherlei Zeichen und Gesten der Versöhnung. Das gemeinsame Wort von EKD und Deutscher Bischofskonferenz zum Jahr 2017 mit dem Titel „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“ ist ein wirklich beeindruckender und überzeugender Text der kritisch-selbstkritischen Erinnerung und der Versöhnungsbereitschaft.

Zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt wird das Reformationsfest in diesem Jubiläumsjahr wirklich in ökumenischer Gemeinsamkeit begangen. Evangelische und katholische Christen feiern tatsächlich zusammen, nicht nur an der Spitze der Kirchen, sondern auch in den vielen Gemeinden. Das ist eigentlich sensationell, jedenfalls staunenswert angesichts unserer bitteren Abgrenzungs- und Konfliktgeschichte. Darüber dürfen wir Christen doch wohl so etwas wie glücklich sein! Das ist ein wirklicher Anlass zur Freude.

Es gab tatsächlich kaum Misstöne. Anfängliche Skepsis und das Misstrauen, das Jubiläum solle der Profilierung der einen Kirche zu Lasten der anderen dienen oder, im Gegenteil, das eigene Profil könne verundeutlicht werden – diese Skepsis hat keine Bestätigung gefunden. In diesem Jahr war sogar nicht mehr laut zu hören: Die evangelische Kirche sei – so eine programmatische Selbstbeschreibung vor einigen Jahren – die „Kirche der Freiheit“, womit meine katholische Kirche zu einer Kirche der Unfreiheit abgestempelt war. Es tat gut, solche – falsche – konfessionelle Entgegensetzung nicht wieder zu vernehmen.

Ist also „alles in Butter“? Haben wir es mit mehr zu tun als mit einem Überschwang, der dem Jubeljahr geschuldet ist? Mit einer Euphorie, die schnell wieder verglüht, wenn der prosaische kirchliche Alltag einsetzt? Bedford-Strohm und Reinhard Marx schreiben: „Die beiden großen christlichen Kirchen haben die Weichen dafür gestellt, das Gedenken an 500 Jahre Reformation nicht als Abgrenzung, sondern als Ausgangspunkt für weitere Schritte auf dem Weg zur sichtbaren Einheit zu nehmen“. Und die Zwillinge betonen: „2017 ist deshalb kein Schlusspunkt, sondern setzt einen Doppelpunkt in der Ökumene“.

Ich möchte sie beim Wort nehmen. Denn ich bin trotz aller Freude unzufrieden. Ich verspüre ökumenische Ungeduld  – gerade auch am Ende dieses Reformationsjubeljahres. Denn: Es eint uns doch mehr als uns trennt! Und vor allem: Dieses Reformationsjubiläum hat uns überdeutlich vor Augen geführt, dass Luther eine Reform der Kirche wollte, und dass die Gründe – die theologischen wie die politischen – die damals zur Kirchenspaltung führten, heute nicht mehr Gültigkeit beanspruchen können. Dabei weiß ich, dass historische Entwicklungen sich nicht umstandslos rückabwickeln lassen. Darum kann es auch gar nicht gehen. Denn ich übersehe auch nicht die ernstzunehmenden theologischen Differenzen. Ich hoffe auch nicht auf eine Einheit, die die Verschiedenheit von Traditionen und religiösen bzw. theologischen Kulturen ignoriert oder gar auslöscht. Die Pluralität in diesen Dingen ist ja selbst innerhalb unserer beiden Kirchen längst Realität. Eine Realität, die die einen – eher die katholischen Christen – nicht selten verwirren mag, die den anderen – eher den evangelischen Christen – vertraut ist und allen doch als ein Reichtum erscheinen könnte und sollte.

Es wird wohl auch nicht leicht oder vermutlich gar nicht gelingen, historisch gewachsene konfessionelle Identitäten durch Harmonisierungen in der Deutung von unterschiedlichen Bekenntnistraditionen zu relativieren oder zu überwinden. Trotzdem: Die ständige Wiederholung der Losung von der „versöhnten Verschiedenheit“ reicht mir nicht. Sie erscheint mir als ein Beruhigungsmittel, als eine resignative Losung für ökumenischen Stillstand! Sie ist nicht mehr als die Verwaltung der Differenzen.

Unsere beiden Kirchenchefs beteuern: „Wir verpflichten uns, insbesondere der Frage nach der sogenannten ‚sichtbaren Einheit‘ nachzugehen und zu klären, was sie bedeutet“. Und sie verweisen auf die weiterhin strittigen Themen: Das Kirchenverständnis, den Zusammenhang zwischen Kirche, Eucharistie und Amt, das Papstamt. Nun, solche Verschiedenheiten und verbliebene theologische Differenzen sind das Eine – das Andere ist gemeinsame Praxis, ist das gemeinsame Zeugnis der Christen.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle eine persönliche Erinnerung: Meine Erfahrung als Christ in der DDR war die Erfahrung von Basisökumene, Ökumene von unten. Wir haben als evangelische und katholische Christen in einem unfreien Land und System überlebt, weil wir aufeinander geschaut und geachtet haben, weil wir das Grundgefühl einer gemeinsamen existenziellen Herausforderung entwickelt haben: Nicht (mehr) Volkskirche, sondern Minderheit, angefochten und infrage gestellt. Nichts war mehr einfach selbstverständlich. Zum sonntäglichen Gottesdienst zu gehen, am Religionsunterricht, an der Konfirmation, am Gemeindeleben teilzunehmen – das war nicht mehr dem Zwang eines christlichen Milieus geschuldet, sondern war Bekenntnis, wurde zum Bekenntnis. Christsein war eben nicht bloß Privatsache – wie der SED-Staat es wollte – sondern war Einspruch und Widerspruch. Es waren dann folgerichtig viele Christen, die die friedliche Revolution 1989 angeführt und geprägt haben, weil sie ihren Glauben nicht bloß Privatsache sein lassen wollten, sondern aus ihm öffentliches, politisches Engagement ableiteten.

Ist die Situation in der Gegenwart ganz anders? Gewiss, wir leben in einem freien Land. Aber Christen haben nicht das Heft in der Hand, sie sind Teil des Pluralismus, sie stehen nicht über ihm, haben keinen Ort außerhalb. Verbindendes und Verbindliches ist immer weniger selbstverständlich, auch und gerade der christliche Glaube ist es nicht mehr. Die Glaubwürdigkeit und die Überzeugungskraft von Christen und Kirchen sind infrage gestellt und sie sind gefragt. Beides gilt.

Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft werden nicht gestärkt, sondern geschwächt durch Differenzen im Kirchen- und Amts- und Sakramentenverständnis, die die meisten Christen nicht verstehen und Nichtchristen schon gar nicht. Ich weiß, diese Feststellung, der Apell zu ihrer Überwindung lässt diese Differenzen nicht verschwinden, da ist noch viel ernsthafte theologische Arbeit und Reflexion notwendig. Aber der Gedanke ist doch wohl angemessen, dass Ökumene nicht nur Sache der Theologen und Kirchenleitungen ist und sein darf, sondern in den Gemeinden gelebt und also von unten vorangebracht werden muss. Seien wir evangelische und katholische Christen also neugieriger aufeinander, von Gemeinde zu Gemeinde, machen wir einfach mehr miteinander, begreifen wir, dass die Zukunft der Ökumene, ja der Kirche Sache jedes einzelnen Christen ist, dass die „Freiheit eines Christenmenschen“ ganz in Luthers Sinn gefragt ist. (Und nutzen wir Katholiken die Chance, mit Franziskus einen Papst zu haben, der durchaus Luther’sche Qualitäten hat.)

 

Wie diese ökumenische Geschichte weiter geht, wie sie ausgeht, das ist von weitreichender Bedeutung für unsere Gesellschaft, unser Gemeinwesen insgesamt. Denn so sehr unser Land säkularisiert erscheint, so sehr es gerade auch in kultureller und religiös-weltanschaulicher Hinsicht vielfältig und widersprüchlich ist und weiter werden wird – so sehr sind und bleiben doch Christen und Kirchen ein prägender Teil dieses Landes. Über 60 Prozent der Bürger gehören zu einer der christlichen Kirchen. In den mehr als 25.000 Gemeinden versammeln sich Woche für Woche Millionen Menschen: 3,5 Millionen gehen durchschnittlich am Wochenende in einen Gottesdienst (das sind übrigens achtmal so viel, wie am Wochenende Bundesligaspiele besuchen). Das sollte man nicht geringschätzen. Und auch über Kirchenzugehörigkeit und Kirchenbindung hinaus gibt es eine breite Aufmerksamkeit und Akzeptanz für das, was Kirchen und Christen sagen und tun, was sie als Überzeugungen und Werte vertreten und praktizieren. Sie leisten – gewiss nicht sie allein aber sie doch auch – einen unersetzlichen Beitrag zum Gelingen unseres Zusammenlebens, zum Zusammenhalt einer konfliktreichen und widersprüchlichen Gesellschaft.

Dass Pluralität friedlich gelebt wird, dass sie lebbar ist, das bedarf immer wieder der Modelle, der Exempel überzeugend gelebter Gemeinsamkeiten. Und zwar von Gemeinsamkeiten, die Vielfalt nicht ersticken, nicht unterdrücken. Ökumenisch gesinnte Kirchen, Kirchen auf dem Weg zur Einheit können und sie sollten solche überzeugende, ansteckende Beispiele sein. Das, so meine ich, ist der Auftrag aus dem Reformationsjubiläum: Zu zeigen, dass es ein gelingendes Miteinander in der Vielfalt gibt. Zu zeigen, dass man nicht nur beim Eigenen bleibt, das Eigene bewahrt, sondern sich auf die Anderen hin öffnet, sich nicht zuvörderst mit Abgrenzung befasst, sondern sich auf die Frage nach dem Gemeinsamen einlässt – weit über die Kirchen, über die Religionen hinaus.

Denn darum wird es in Zukunft noch mehr als bisher gehen: Alle – Christen, Muslime, Juden, Atheisten, Agnostiker, Einheimische  wie zu uns Gekommene – sie alle, wir alle werden uns der Debatte stellen müssen: Was ist das verpflichtend Gemeinsame? Worauf gründen wechselseitige Anerkennung und Gesprächsbereitschaft und Gesprächsfähigkeit der Verschiedenen? Was begrenzt kulturell-religiös-weltanschauliche Selbstbestimmung? Was ist Toleranz, wie weit muss und darf sie gehen? Wie vergewissern wir uns des Gemeinsamen, damit wir Vielfalt friedlich - zwar nicht konfliktfrei aber friedlich - leben können? Darum geht es, darum muss es gehen – egal wie wir es nennen: Ob „Leitkultur“ (ein irgendwie belasteter, nicht recht geglückter Begriff) oder „zivilbürgerliche Kultur“/“gemeinsame Bürgerschaft“ (reicht dies?) oder wie ich es lieber nenne: „das nichtpolitische, sondern ethische und kulturelle und religiös-weltanschauliche Fundament gelingenden Pluralismus, gelingender Demokratie“. Um es deutlich zu sagen: Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Unterdrückung der Frau und eben auch religiös-weltanschauliche Intoleranz – das sind keine Beiträge zu diesem Fundament, sie zerstören es vielmehr. Egal ob sie von Zuwanderern oder von Menschen aus dem eigenen Land ausgedrückt werden.

Daran haben wir also miteinander zu arbeiten: an einem gemeinsamen Bürgerbewusstsein über alle kulturellen und religiös-weltanschaulichen Differenzen hinweg, gewissermaßen an einem Wir, das Toleranz, gemeinsame Verantwortung und Solidarität miteinander vereint!

Der Beitrag der Kirchen genau dazu ist nach meiner Überzeugung unersetzlich und eine Verpflichtung. Das nicht zuletzt lehrt uns die Erinnerung an die Reformation.