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23. Januar 2013

Dankesrede zur Verleihung der „Goldenen Narrenschelle“

 
 

Liebe schwäbisch-allemannische Narren, liebe Badener und Württemberger!

(Ich kenne den Unterschied – auch aus der Ferne ist er wahrnehm- und hörbar. Ich will mich ja nicht gleich am Anfang daneben benehmen. Aber heute Abend darf und muß ich mich allein den Schwaben widmen.)Deswegen sag ich gleich ganz mutig: Peter Friedrich hat recht!

Uns unterscheidet nichts – die Schwaben und mich, den schlesisch-thüringischen Preußen, der katholisch verdorben ist. Nur eins unterscheidet uns: Die Schwaben können alles außer Hochdeutsch. – Ich kann nichts außer Hochdeutsch. Ich geb mir Mühe und sag auf Neudeutsch: Let us begin!

Dass man mich zu meinem Schaden
hier und heute vorgeladen,

oder besser noch: zitiert,
hat mich ziemlich echauffiert.

Mich den fleißig Nimmermüden
kommandiert man in den Süden,

ausgerechnet hier nach Rust,
das allein erzeugt schon – eben.

Ich habe mir in meinem Leben,
keine Blöße je gegeben.

Man hat mich den Pfad der Tugend,
seit der allerfrühsten Jugend,

nie einmal verlassen sehen,
deshalb kann ich’s nicht verstehen,

was ich hier geheimnisvoll,
vor lauter Narren machen soll.

 
 

Mir war überhaupt nicht klar,
dass es eine Narrenschar,

scheinbar gäbe, ohne Frag’
auch außerhalb vom Bundestag.

Dort tagen mit so manchem Sparren,
parteigestimmte Vollzeitnarren,

die in brillanter Rede und geschliffen,
tun, als hätten sie‘s begriffen.

Wir seien, dacht’ ich, exklusiv,
und sehe, dass wir expansiv,

uns offenbar hierher entlüden,
so weit, bis in den dunklen Süden.

Ich danke dem Peter, der versiert,
mich hier und heute hat laudiert.

Dein Vortrag, Peter, an Ideen reich,
kam einer Seligsprechung gleich,

die mir, ich darf‘s hier sagen,
bevorsteht in den nächsten Tagen.

Wegen meinem frommen Leben,
sittsam, brav und gottergeben,

sagte sich der Vatikan:
Jetzt ist der Wolfgang Thierse dran.

Eine weise Entscheidung, so wahr wie echt
und bei aller Demut – ich geb’ ihm recht.

 
 

Weshalb man also hier versiert
mit Narrenschellen mich traktiert?

Bleibt mir, der immer redlich schafft,
beim besten Willen, rätselhaft.

Denn: Ich selber habe absolut
mit unserem Flughafen nichts am Hut.

Im Gegenteil, ich stehe hier
und singe laut: Macht hoch die Tür,
die Tor macht auf – ich wette keinen Heller drauf.

Und sollte er in absehbaren
fünfzehn oder zwanzig Jahren

tatsächlich öffnen seine Pforten,
so heißt es wieder allerorten:

Das Ganze sei nur drum gelungen,
weil der Thierse dort gesungen.

Zum Flugplatz passt doch eher heute
ein Narrenschellenfestgeläute,

und man widme das Geläut
dem seligen Klaus Wowereit.

So wird der Flugplatz, alt und ranzig,
zum Preußen-Stuttgart Einundzwanzig.

Ich lass es sein, soweit so gut,
ich habe damit nichts am Hut.

Die Frage ist also noch offen,
weshalb’s gerade mich getroffen.

Man unterstellt mir kesse Lippe
im Dunstkreis der Berliner Schrippe,

fährt mir böse an den Kragen,
bloß weil die Schwaben „Weckle“ sagen.

Die Schwaben sind, das ist bekannt,
seit eh und je sehr tolerant.

Und ihr Humor ist weltberühmt,
ich sage das ganz unverblümt.

Beispiel: die Schrippenaktion,
erbrachte mir den großen Strom

von dreitausend E-Mails, wunderbaren,
die allesamt begeistert waren.

Lauter Liebesbriefe – getragen von Demut
und gedanklicher Tiefe.

Bravorufe, sehr charmant
aus dem ganzen Schwabenland.

Und sanft und freundlich, vornehm auch –
so wie es hier halt ist der Brauch.

Jetzt ist uns, schrieb man, endlich klar,
dass die Schrippe überfällig war.

Unsere Sympathie ist ungebrochen,
Sie haben uns aus dem Herzen gesprochen.

Wir bleiben mit Ihnen im Geiste vereint,
Herr Thierse, wir haben vor Freude geweint.

Ein anderer schrieb: „Narri Narro“,
Bravo, Herr Thierse, weiter so!

Man hat mir mehrfach in den Tagen,
die Staufermedaille angetragen.

Die Schwaben Berlins schütteln mir ohne Ende,
wo ich auch bin, dankbar die Hände.

„Wir Schwaben sind so glücklich alleweil,
dass uns die Schrippe ward zuteil,

wir waren mit dem Weckele
doch bloß die Schwabenseckele.“

Die Bäcker aus dem Schwabenlande,
backen die goldene Schrippe am Bande.

Der Kindergarten St. Josef lässt mich fragen:
Dürfen die Kinder auch „Schripple“ sagen.

Ein Bäcker aus Albstadt will‘s probieren,
ein Feinrippschripple zu kreieren.

Bei Aldi Süd im Höhenflug,
die Schrippe auf dem Siegeszug.

Nicht nur, dass ich als braver Mann,
dem Handwerk Gutes hab getan,

die SPD hat schon versiert,
ein neues Logo sich kreiert

und zeigt in einer Feierstund’
die rote Schrippe auf rotem Grund.

Die Presse hat fast über Nacht
aus mir einen Star gemacht.

Ich hab zum ersten mal im Leben
sogar zwei Interviews gegeben.

Zum einen, man wird es ja kennen,
will ich die „Bäckerblume“ nennen

hat klargestellt in Bild und Wort
die Schrippenfrage und den Weckenreport.

Zum anderen war ich zur Stell
im Gemeindeblatt von Horgenzell.

Im Literaturarchiv zu Marbach verbuche
ich den Erfolg der Spurensuche.

Zunächst wollt es mir nicht gelingen,
doch fand bei Götz von Berlichingen,

ich eine Stelle wo ganz klar
die Brötchenfrage offenbar:

Er wolle Brezel nicht, noch Wecken,
man möge ihn am...Ärmel ziehen.

Da sei, damit man es mir glaubt,
ein kleiner Randvermerk erlaubt:

Mit „Schrippe“ wär’ das garantiert
rein sprachphonetisch nicht passiert.

Bleibt praktisch eine Frage nur
anthropologischer Natur.

Es war die Völkerwanderung,
sie bracht’ Europa erst in Schwung,

Nach Süden ging‘s mit voller Kraft,
die Stärksten haben es geschafft.

Die Schwachen blieben Stück für Stück
im märkischen Sande und fußkrank zurück:

Ethnologisches Gekröse
und jenseits schon von gut und böse,

auf jedes Mädchen jung und wacker,
kamen vierzehn alte Knacker.

So ähnlich, bloß dass ich es sag,
ist es ja auch im Bundestag.

Zurück zum Thema – immerhin
gründeten sie Alt – Berlin.

Später kam, gedacht als Clou,
vis a vis auch Cölln dazu.

So ist von vornherein verbucht,
die echt Berliner Großmannssucht.

Nicht eine Stadtgründung oh Nein,
es mussten zwei Gründungen sein.

Wobei die Blinden sich und Lahmen
selbstverständlich übernahmen.

Kleinlaut beschloss man daraufhin,
wir schmeißen zusammen und heißen „Berlin“.

Diese Art Bescheidenheit
prägt die Berliner noch bis heut.

Genauso prägt sie auch die Schwaben,
die in Berlin ein Häusle haben

und dort hat es immerhin
achtzig Wohnungen darin,

was, weil man gar nicht übertreibt,
trotz alledem ein Häusle bleibt.

Eine winzige Änderung ist eingebaut,
wenn man ins Mietverträgle schaut.

Der Mietpreis ist ganz offenbar
auch nicht mehr das, was er mal war.

Man hat, was selten nur passiert,
ihn fast unmerklich korrigiert:

Vermieter brauchen an dem Fleckle
morgens zum Kaffee ein Weckle.

Der Berliner aber ist ja stur
und von ruppiger Natur,

streitig, geizig, fast brutal,
eben: ein Menschenfresser vom Ural.

Der Schwabe im Gemüte fein,
und fast ätherisch obendrein,

ein Wortakrobat mit feinem Geist,
was sich im Wort „Schafseckel“ weist.

In Berlin hält man, ob man‘s glaubt, oder nicht,
einen Schafseckel für ein Tellergericht.

Ein weiteres: Wer Berliner kennt,
sie sind nur mäßig intellent.

Die Schwaben sind da viel, viel weiter
und um einiges gescheiter.

Sie entdeckten 

das Gesetz zur Erhaltung der Energie,
die Relativitätstheorie,

das astronomische Fernrohr dieser Tage,
die Zeitung und die Neigungswaage,

die Magnetzündung, den Zeppelin,
die Rechenmaschine immerhin,

die Zündkerze ging hier hervor
und mit ihr der Benzinmotor,

die Linotype – Setzmaschine, ja
und auch die Mundharmonika,

das erste Kraftfahrzeug im Gebrauch,
Volkswagen und Motorrad auch,

hier dieselte der Dieselmotor
das Motorboot kam erstmals vor.

Zuguterletzt sei dargestellt,
ein Requisit der Damenwelt,

wo Mode sich mit Charme verbindet
und die Schwerkraft überwindet,

dort trifft man als Formgestalter,
im Ernstfall auf den Büstenhalter.

Dies alles und noch viel, viel mehr
kommt vom Schwabenlande her.

Da bleibt für die Berliner Sippe,
zuguterletzt nur noch die Schrippe.

Versteht ihr jetzt als Mensch und Christ,
weshalb sie uns so heilig ist?

Die Schrippe ersetzt uns jeden Orden,
für eine Schrippe würd’ ich morden,

die Schrippe, das ist Lebensart,
die Schrippe ist wie Himmelfahrt,

die Schrippe ist Erotik pur,
fast orgiastischer Natur,

die Schrippe ist, wenn man so will,
kulinarisches Liebesspiel.

Man braucht für den Erhalt der Sippe
drei Dinge, eins davon heißt Schrippe.

Auch sieht man in Berliner Kirchen viel
zu Weihnachten ein Schrippenspiel.

Schon Sokrates sprach: Die Xantippe,
liegt im Bett mit einer Schrippe.

Die Schrippe überstand mit Donnerhall,
zwei Kriege und den Mauerfall.

Die Schrippe selbst ist hochbrisant,
und nun im ganzen Land bekannt.

Dank aufmerksamer Journalisten,
hochaktuell auf allen Pisten,

mit einem Spürsinn, der sich versiert,
auf’s Wesentliche konzentriert.

Investigativ besprochen
und äußerst fair bis auf die Knochen.

Ich danke Euch ihr Journalisten:
Ihr habt mich mit Macht,
im Schwabenland beliebt gemacht.

Nun werden Eltern scheint‘s in Haufen,
ihre Kinder „Wolfgang“ taufen,

und in Kirchen und Kapellen
einen Wolfgang sich aufstellen,

und meine Wohnung ist so eben,
zum Ort der Wallfahrt freigegeben.

Und das Kollwitzplätzle
wird geschmückt – mit Spätzle.

Alles dieses kröne meine Vita:
Roma locuta – causa finita.

Ich danke für die Narrenschelle,
und nehm sie gern an dieser Stelle,

sie ist phänomenal

Ein seltenes Stück sich hier befindet,
das mit den Schwaben mich verbindet

fast sakral

Was sich liebt, das soll sich necken,
wer’s nicht begreift, der soll uns lecken

mir ist‘s egal

Diese schwäbische Schelle ist für mich

heute und auch künftiglich

pontifikal.

Ich komme zum Schluss:

Da ich jetzt den Weg beschritten
heute nun auch hier inmitten
vortrefflicher Freundesschar

die mit der Schelle mich beehrten,
da die Schwaben sich vermehrten
bringe ich das Loblied dar.

Lasst uns frohe Lieder singen,
hell durch dies Gewölbe klingen
zu der guten Schwaben Ehr.

Mögen sie noch lang auf Erden
ohne jegliche Beschwerden
fröhlich wandeln ringsumher.

Dem Weckenwiederholungstäter
wünsche ich und wohl ein jeder,
dass wir alle, wie wir sind

nochmals weitere viele Jahre,
liebend-frohe, wunderbare,
glückliche beisammen sind.

Darauf, Freunde, lasst uns trinken,
lasst die Weinpokale blinken,
Vivat ruft die Narrenschar.

Und ich selbst verbeuge mich
und sage Dank ganz inniglich!

Narri Narro!