31. Mai 2019

Appell an die Mitglieder der SPD-Fraktion vor der Entscheidung am kommenden Dienstag

 

  

Wolfgang Thierse                                                                                                 

 

Liebe Genossinnen und Genossen!

 

Lasst Euch nicht von Ärger, Enttäuschung, Wut und Verzweiflung leiten – die ja sehr verständlich sind - sondern bedenkt bitte:

 

1.    So sehr es menschlich verständlich ist, nach einer furchtbaren Wahlniederlage Personalfragen zu diskutieren – es ist der falsche Weg.

2.    In den vergangenen drei Jahrzehnten meiner SPD-Mitgliedschaft (in denen ich 15 Jahre stellvertretender Vorsitzender war) hat die Partei 13 Vorsitzende verschlissen und damit den Niedergang der SPD nicht aufgehalten, sondern vielmehr befördert.

3.    Nachdem die SPD in ihrer großen und langen Geschichte mit Andrea Nahles zum 1. Mal eine Frau an ihre Spitze gewählt hat – welches Zeichen ist es, wenn diese Frau nach einem Jahr wieder gestürzt wird. Die SPD hätte in den nächsten Jahren gleichstellungspolitisch nur noch zu schweigen.

4.    Die existenzbedrohliche Situation der SPD zu personalisieren ist der bequeme Weg. Wir müssen vielmehr auf geradezu demütige Weise einen anstrengenden Weg gehen: Den Identitätskern der SPD wieder sichtbar machen, uns thematisch neu konzentrieren auf Politik für Gerechtigkeit und Solidarität, für den sozialen Zusammenhalt einer gespaltenen, zersplitterten Gesellschaft. Und das unter Führung derer, die Partei und Fraktion erst neulich gewählt haben.

5.    Wer als Partei glaubwürdig für eine Politik der Solidarität eintreten will, der muss selbst Solidarität vorleben – sonst betreibt er Selbstzerstörung unserer Partei!