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6. Dezember 2006

Rede zum Thema "Werteerziehung"



Meine sehr verehrten Damen und Herren,

nachdem so viele Bildungspolitiker und Bildungspraktiker und Bildungswissenschaftler angekündigt sind, spricht hier das politische Kind, das nicht mehr weiß als eben einer, der Bildungsprozesse überlebt hat und der sie jetzt gewissermaßen als Politiker betrachtet. Ich habe gezögert der Anfrage zu folgen. Denn erstens, warum sollen Politiker über Werte sprechen? Sind sie etwa besonders geeignet dafür? Ich habe da meine Zweifel. Allerdings, die SPD ist eine werteorientierte Volkspartei, sie versteht sich so und ich bin Vorsitzender der Grundwertekommission, diskutiere also mit anderen über die Grundlagen von Politik und die langfristigen Ziele von Politik. Aber das war nicht der einzige Grund für meine Skepsis. Tilo Braune hatte es schon angedeutet. Wenn man über Werte und Werteerziehung redet, stellt sich allzu schnell ein kulturkritischer Jammerton ein. Den gilt es zu vermeiden. Man ist ohnehin auch in der Gefahr - wie soll ich das nennen - Trivialitäten und Gemeinplätze zu verkünden. Welcher Politiker ist davor gefeit? Machen Sie sich auf etwas gefasst.
In einem Aufsatz, den ich gerade gelesen habe, mit dem hübschen Titel "Vom Mehrwert der Werte" fand ich die wohl zutreffende Beobachtung: Der moralisierende Zeitgeist liefere zahlreiche Belege dafür, dass die Kommunikation über Werte noch keine Kommunikation von Werten befördere. Der Begriff Wert sei inzwischen in Container geworden für respektable Motive und Prinzipien, Charaktereigenschaften und Bildungsinhalte, mit denen moderne Menschen auszustatten seien. Das stimmt wohl.
Politikern mag ja eine gewisse begriffliche Unschärfe erlaubt sein, die Wissenschaftlern nicht erlaubt ist, trotzdem ist die Warnung vor einem begrifflichen Müllkübel höchst berechtigt. Zudem, es gibt ja genügend Anlässe für polemischen Überdruss, etwa wenn ich einen Banker, z.B. den Chefvolkswirt der Deutschen Bank, über Werte reden höre. Zum Glück hat sich Herr Ackermann noch nicht über Werte geäußert, das wäre dann ein gewisser Gipfelpunkt von Obszönität gewesen. Das soll kein persönlicher Angriff auf Herrn Ackermann sein, denn der mag ein wirklich honoriger Mann sein, das ist nicht mein Punkt: Aber das öffentliche Rollenverhalten von Managern und Unternehmen ist nicht sehr wertefördernd, es verletzt jedenfalls, wie wir sehen, elementare Gerechtigkeitsgefühle von sehr vielen Menschen.
Es stellt sich auch ein gewisser polemischer Überdruss ein angesichts der an- und abschwellenden Leitkulturdebatte, die Bundestagspräsident Lammert immer wieder antreibt, aber sie will nicht an begrifflicher Schärfe gewinnen, wenn ich es richtig beobachte. Es gelingt auch nicht, sie wirklich zu fokussieren. Vielleicht, wahrscheinlich liegt es schon am Begriff Leitkultur. Trotzdem, es geht ja um eine richtige und wichtige Frage: Was hält unsere Gesellschaft, unser Land, unseren Kontinent zusammen? Das muss doch mehr sein als die Marktbeziehungen und die Rechtsbeziehungen. Das vermuten wir alle, das wissen wir alle. Die Frage nach diesem Zusammenhalt hält an, sie beschäftigt viele, sie ist offensichtlich auch drängender geworfen. Das Reden über Werte, über Werteerziehung ist also vielleicht oder hoffentlich doch mehr als eine der vielen Modeerscheinungen.

Anlässe und Gründe gibt es ja genug für diese Debatte. Ich will nur ein paar disparate Beobachtungen zusammentragen. Tilo Braune hat schon hingewiesen auf das immer erneue Erschrecken über Gewalt an Schulen, die Rütli-Schule ist allen noch gegenwärtig, die Amokläufe der letzten Tage und Jahre, das Entsetzen über Verwahrlosung von Kindern, über Kindesmorde, die Mitteilung, die Untersuchungsbefunde über vermehrte Erziehungsunfähigkeit von Eltern. Klaus Hurrelmann sagt, 15 % der Eltern seien mit der Erziehung völlig überfordert. Dies stehe in engem Zusammenhang mit Armut und mangelnder Bildung. Oder ich erinnere an zwei DPA-Meldungen, die mir an zwei aufeinanderfolgenden Tagen auf den Tisch geflattert sind. Zunächst eine Meldung über ein Urteil des Bundesgerichtshofs: Eltern bekommen Schadenersatz für ungewolltes Kind, eine ziemlich starke Botschaft. Und einen Tag später die Mitteilung über eine Umfrage: Nur die Hälfte der Menschen will Ehe mit Kindern in Deutschland - nur die Hälfte.
Ich erinnere an die jüngste Shell-Studie, gewissermaßen als gegenläufiger Vorgang: "Soziale Ängste", so war der Befund, "führen bei Jugendlichen nicht zu Renitenz und Auflehnung, sondern zu Anpassung, zu extremer Leistungsorientierung, zu Fleiß, Zuverlässigkeit, Höflichkeit, Pünktlichkeit", also gewissermaßen zu einer Renaissance der geschmähten Sekundärtugenden als Wertmaßstäben. Dazu passt eine neue Disziplineuphorie, wenn ich die Aufregung um das Buch von Herrn Bueb richtig verstanden habe.
Aber verlassen wir die Oberfläche. Die Befunde sind ja nicht neu. Die Kräfte der Traditionen, die sozialen und religiösen Bindungen nehmen ab. Das ist ein lang anhaltender Vorgang. Wir erleben eine Vertrauenskrise der Demokratie. Alle Umfragen sind eindeutig in dieser Hinsicht. Die Wahlbeteiligungen belegen es, der Erfolg rechtsextremistischer und populistischer Parteien. Der rasante ökonomische, wissenschaftliche, technische, soziale Wandel, die Informationsflut, die Gleichzeitigkeit und Nähe des kulturell Verschiedenen, ja Fremden, all das erzeugt Veränderungs- und Überforderungsängste bei vielen Menschen und führt zu Verunsicherungen. Das wiederum erzeugt unübersehbar ein heftigeres Bedürfnis nach Sicherheit, nach Vergewisserung, nach Orientierung, nach Identität.
Gewiss hat Politik - sie ist vielleicht noch nicht mal der erste Adressat für all diese Bedürfnisse - darauf zuerst und vor allem mit sozialen und wirtschaftlichen, mit politischen Antworten zu reagieren. Es geht um Arbeitsplätze. Es geht um Bekämpfung von Armut. Es geht um soziale Sicherheit - riesige Aufgaben, über die ich heute nicht rede. Aber darüber hinaus - und das ist wichtig - sollten wir drei Folgerungen, drei Konsequenzen ziehen.
Erstens, es geht um menschliche Sicherheit. Denn über den durch den Staat garantierten Schutz und die durch ihn verbürgten Rechte hinaus, über die soziale Sicherheit hinaus, die der Sozialstaat als organisierte Solidarität gewähren kann, also über rechtliche und soziale Sicherheit hinaus haben Menschen ein tiefes, ein gesteigertes Bedürfnis nach empfundener und erfahrener menschlicher Sicherheit, nach ideeller und emotionaler Beheimatung und Geborgenheit, nach Identität und Anerkennung, die ihm durch rechtliche und soziale Sicherheit noch nicht gewährleistet wird.
Dieses Bedürfnis wird heftiger, wir sehen es, wenn die einzelnen Menschen heute in Wirtschaft, Gesellschaft und Alltag Veränderungen ausgesetzt und mit Entwicklungen konfrontiert sind, die sich ihrer Kontrolle entziehen, die ihre Existenz zu gefährden drohen, die ihr Wissen entwerten oder ihre Wertvorstellungen relativieren. Dann werden existenzielle Sicherheiten zunehmend wichtig.
Viele Menschen erleben als Kehrseite des beschleunigten Wandels und geforderter Flexibilität und Mobilität den Verlust familiärer, nachbarschaftlicher und bürgerschaftlicher Geborgenheiten. Die Kraft der Traditionen schwindet. Kulturelle Heterogenität und weltanschaulich-religiöse Pluralität nimmt zu. Individualisierung und sozio-kulturelle Differenzierungen werden nicht nur als Fortschritt, sondern auch als Belastung empfunden.
Wir Sozialdemokraten haben - glaube ich - diese Seite der Entwicklung lange unterschätzt. Wir haben das Vorhandensein solidarischer Nahbereiche immer vorausgesetzt und gewissermaßen die Geltung von Tradition und Orientierung unterstellt. Wir wissen heute, dass jetzt und in Zukunft persönliche Sicherheit, kulturelle Identität und soziale Integration zu Grundfragen des Friedens, der Demokratie und einer freiheitlichen Ordnung werden. Deshalb übrigens wiedersetzen wir uns oder müssen uns widersetzen der totalen Ökonomisierung des menschlichen Lebens, uferloser Flexibilisierung und immer radikaler werdenden Mobilitätsanforderungen, weil sie den menschlichen Grundbedürfnissen widersprechen!
Familie, nachbarschaftliche Solidaritäten, das Netzwerk geselliger Beziehungen, Vereine, die Parteien, Gewerkschaften und Organisationen bürgerschaftlichen Engagements in Sport, Freizeit und Kultur, die Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften, sie alle bilden ein kostbares soziales Kapital, auf das Staat und Gesellschaft um ihres Zusammenhalts willen auf fundamentale Weise angewiesen sind. Sie ermöglichen zugleich und vor allem den Individuen die ihnen so notwendige menschliche Sicherheit und Geborgenheit. Und weil sie etwas leisten, was Staat, was Politik nicht selbst leisten können, nehmen wir als Sozialdemokraten das partnerschaftliche Verhältnis zu ihnen ernst, haben wir ein außerordentliches Interesse an ihrer Freiheit und Vitalität, halten wir die Förderung und Unterstützung von Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften, von den Formen und Organisationen politischen, sozialen und kulturellen Engagements für absolut lebensnotwendig.
Eine zweite Folgerung: Es geht um die Stärkung, die Befähigung des Individuums, mit dem Wandel fertig zu werden, sich in ihm behaupten zu können, die Herausforderungen annehmen und erfolgreich bewältigen zu können (auf neuhochdeutsch "Impowerment"). Genau dies ist ein zentraler Gedanke des Konzepts vom vorsorgenden Sozialstaat, das die SPD in ihrer gegenwärtigen Programmdebatte diskutiert.
Im Zentrum des Konzepts steht folgerichtig die Bildung. Dies ist neu und nicht neu zugleich. Denn das Bildungsdenken in Deutschland, die Bildungsphilosophie ist mindestens seit dem 18. Jahrhundert durch einen doppelten Anspruch gekennzeichnet. Einmal ging es ihr immer um die Bildung des Subjekts, die Befähigung, sein Leben selbstbestimmt und selbstverantwortlich zu gestalten, also Autor des eigenen Lebens sein zu können, und zugleich dies zurückzubinden an die Gemeinschaft, an die Aufgabe des kulturellen Fortbestands und der kulturellen Weiterentwicklung. Insofern ging es nie und darf es weiterhin nicht gehen nur um die Bereitstellung von künftigen Arbeitskräften, sondern bei Bildung ging es immer auch um soziale Kohäsion, um kollektive Muster der Lebensführung, um Integration der Individuen der Gesellschaft als solidarische, als teilhabende, als mitgestaltende Gesellschaftsglieder. Bildung in diesem ja wirklich nicht neuem Sinn geht damit über bloße Verwertbarkeit von Qualifikationen weit hinaus und kann folglich nicht einseitig mit Blick auf Ausbildung und Arbeit definiert werden - Handlungsfähigkeit, Kritikfähigkeit, Fähigkeit zur Selbstbestimmung und zur selbständigen Lebensführung gehören dazu. Und das erfordert mehr als Wissen, mehr als die Anhäufung von Wissen.
Damit bin ich bei einer dritten Folgerung, die selbstverständlich ist. Es gilt die Verengung des Bildungsbegriffs, die Verengungen in der Bildungspolitik zu überwinden, Verengungen, wie sie sich gewissermaßen wie in einem sprachlichen Inbegriff in dem Wort vom Fit-Machen verräterisch zeigen. Achten Sie darauf, wie oft dieses Wort in bildungspolitischen Debatten verwendet wird. Ich will darüber nicht weiter polemisieren, aber mich erschrickt es immer neu - Menschen fit machen für etwas.
Meine Damen und Herren! Ich zitiere etwas ausführlicher aus einem Text des Forums Bildung der SPD vom November, zwei Wochen alt. Da heißt es ausdrücklich: "Bildung ist beides, kognitives Lernen und soziale Verantwortung, Wissen und Werte." Dann heißt es weiter: "Die Bildungseinrichtungen in Deutschland stehen unter dem Druck einer so genannten" - wieder ein wunderbares Wort - "kognitiven Mobilisierung." Man denkt sofort an Streitkräfte, die mobilisiert werden müssen. Hier geht es aber wahrscheinlich um Geisteskräfte. Ich will das nicht überzeichnen. Und dann ist die Rede davon: "Für die Entwicklung von Wissenschaft und Forschung, für die Ausbildung technischer Fähigkeiten und Fertigkeiten ist eine kognitive Mobilisierung in der Tat angemessen, denn sie verlangen nach einer Orientierung der Bildung an intelligentem, anschlussfähigem Wissen, Kompetenzen und Standards (statt nur an Inhalten), Metakognition (Lernstrategien, Problemlösefähigkeit, Umsetzungsfähigkeit)." Und dann kommt die Pointe, die mir sehr gefällt: "Wenn kognitive Mobilisierung allerdings übertrieben und Bildung hierauf einseitig reduziert wird, wird sie dem über allem stehenden Ziel von Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitsbildung nicht gerecht. Kognitives Lernen und Wissen müssen vielmehr eingebunden werden in die Vermittlung von Orientierung, von Haltung und Werten. Ohne diese Qualitäten würde Bildung nur reine Unterrichtung sein und eine Tendenz erzeugen", und jetzt folgen wieder drei wunderbare Begriffe, "zur emotionalen Leere, zur Dreifächerschule mit drei immer zentraler werdenden Fächern, die abgetestet werden können", PISA, PISA, PISA, "und zum Wertedefizit." Und ich zitiere weiter: "Viel Wissen, wenig Werte, das darf weder das Ziel noch Ergebnis von Erziehung und Bildung sein. Im Gegenteil, wir brauchen bei den jungen Menschen ein Bewusstsein von und eine positive Haltung zu Humanität, Freiheit, Gerechtigkeit und Toleranz als Grundwerte menschlicher Existenz. Wir brauchen die Bereitschaft und Fähigkeit zur Verantwortung, zur Friedfertigkeit, zur Solidarität. Junge Menschen müssen die Chance bekommen, instrumentelle Werte wie Eigeninitiative, Selbständigkeit, Verlässlichkeit selbst zu erleben und entsprechende Einstellungen und Verhaltenskonzepte aufzubauen." Das, was hier ausgebreitet ist, findet sich dann im gerade am letzten Wochenende diskutierten Entwurf eines neuen Grundsatzprogramms der SPD in verdichteter Form, in zwei Sätzen, die ich Ihnen zitiere:
"Wir", also wir Sozialdemokraten, "wollen eine ganzheitliche Bildung. Sie richtet sich auf theoretisches Wissen und beruflich verwertbare Inhalte. Sie umfasst nicht minder die ästhetische Erfahrung, die ethische Reflektion und die Wertevermittlung. Um unsere offene Gesellschaft zu stärken, brauchen wir eine Aufwertung der politischen Bildung und Erziehung zur Demokratie."
Nach dem Gesagten sage ich einen einfachen Satz: Wertevermittlung, Werteerziehung ist also kein konservatives Projekt.
Denn Bildung -nach dem bisher Gesagten triviale eine Feststellung - mehr als bloße Wissensvermittlung, schließt eben Erziehung notwendig ein. Bildungserfolge sind nicht identisch mit dem quantitativ Messbaren, wie die sich häufenden Rankings suggerieren. Es sollte weniger um die Menge des Wissens gehen und mehr um Orientierungswissen, um Schlüsselqualifikationen. (Dazu eine subjektive und möglicherweise ganz falsche Nebenbemerkung: Als ich zur Schule ging, das ist schon ein bisschen her, habe ich noch gelernt, dass das menschheitliche Wissen sich alle 50 Jahre verdoppele. Jetzt höre ich, dass das menschheitliche Wissen sich alle fünf Jahre verdoppele. Was fangen wir mit dieser Beschleunigung des Wissens an? Ich ziehe daraus eine einfache Konsequenz: Die Schule von Wissensmassen entlasten, sie kommt sowieso nicht hinterher, und an dessen Stelle das setzen, was ich eben mit den zwei Worten "Orientierungswissen" und "Schlüsselqualifikation" bezeichnet habe!)
Was zu diesem Orientierungswissen gehören muss, welches die Schlüsselqualifikationen sind, darüber muss es immer wieder neu eine gesellschaftliche Verständigung geben. Das steht nicht ein- für allemal fest. Diese Verständigung allerdings sollte das Zentrum der bildungspolitischen Debatten sein und weniger der Streit über Strukturfragen. Und in diesen bildungspolitischen Debatten, das ist wichtig, sollte es auch ein sichtbares Moment von Kontinuität geben. Denn Orientierungswissen und Schlüsselqualifikation, wenn die beiden Begriffe ihren Sinn haben sollen, können nicht so schnell veralten, sie können und sie dürfen sich nicht so schnell verändern wie Wissensmassen sonst.
Meine Damen und Herren! Mir scheint, dass sich alle mehr oder minder in Folgendem einig sind. Ich benenne jetzt ein paar ganz einfache Punkte: Das Wichtigste ist, Lernen zu lernen, weil wir lebenslang lernen müssen, nein: lernen dürfen. Wie wunderbar, wenn man als Kind und als Jungendlicher die Freiheit und Freude der Neugier erfährt und erlernt und lernt fragen zu lernen. Nichts ist schlimmer als das fraglose Unglück.
Zweitens: Es geht darum, dass wir mit Wissen souverän umzugehen lernen, Wissensmengen, Informationen bewerten können, also nicht nur Techniken des Wissens- und Informationserwerbs lernen, sondern ebenso Maßstäbe für die Auswahl, die Einordnung, die Verwendung, die Bewertung von Wissen und Information.
Drittens: Das verlangt in besonderer Weise soziale Kompetenz und kommunikative Kompetenz, also die Fähigkeit und Bereitschaft zu Selbstverantwortung und Solidarität, zu Empathie mit den Anderen, den Fremden, den Schwächeren, den Umgang mit Unterschieden, mit Vielfalt und ebenso die Beherrschung der eigenen Sprache vor allem und die anderer Sprachen auch.
Viertens: Gegenwärtig scheint es mir, ich weiß nicht, ob ich Recht habe, besonders wichtig zu sein, dem Verlust an geschichtlichem Gedächtnis, an geschichtlichem Wissen entgegenzuwirken. Es gibt keine individuelle und kollektive Identität ohne Herkunftswissen. Aber genau da ist, wenn ich es richtig beobachte, ein betrüblicher Zustand zu beklagen, ein erheblicher Verlust an geschichtlichem und kulturellem Herkunftswissen. Indem ich geschichtliches Gedächtnis fordere, will ich zugleich nationalistischer Verengung vorbeugen. Es geht um das Ganze deutscher und europäischer Geschichte und Kultur und um den vergleichenden Blick über diesen doppelten Tellerrand hinaus. Aber ich verstehe nichts von der Welt, wenn ich nichts von der eigenen Geschichte weiß. Es geht in Deutschland dabei um eine wichtige Dimension, nämlich um das, was man international Holocausterziehung nennt, um den Versuch, in neuen Formen und Angeboten das schwierigste Kapitel deutscher Geschichte zu vermitteln, nicht im Sinne der Weitergabe von Schuld, nichts wäre falscher als das tun zu wollen. Und wir haben auch keinen Anlass anzunehmen, dass nachfolgende Generationen weniger anständig und weniger moralisch wären als wir in dieser Sache, aber wir müssen ihnen die Chance geben, mit diesem erratischen Block in unserer Geschichte zurande zu kommen, ohne zu verdrängen, ohne erdrückt zu werden, sondern aus Erinnerung moralische Verpflichtung zu gewinnen.
Und nicht zuletzt wünsche ich mir, dass junge Leute mehr wissen über die Geschichte der deutschen Spaltung und das historische Glück der Wiedervereinigung. Wann hat es das schon einmal gegeben, ein solch glückliches Ereignis in unserer Geschichte? Ich finde, immer noch ein Anlass zur Freude, nicht ganz laut, sie wird leiser, aber immer noch ein Anlass. Das könnten wir doch auch übermitteln.
Meine Damen und Herren, der Erwerb von solcherart Orientierungswissen, von Maßstäben, von Haltungen und Einstellungen, also von Werten, ist gewiss Aufgabe von Bildungs- und Erziehungsprozessen insgesamt, von Schule insgesamt, also das, was man eine Querschnittsaufgabe nennt. Aber es ist doch gewiss auch und in besonderer Weise Aufgabe von politischer Bildung, von kultureller Bildung, von religiös-weltanschaulicher Bildung. Über diese drei Felder will ich noch ein paar Bemerkungen machen.
Zunächst über politische Bildung, also über Demokratieerziehung: Von Oskar Negt stammt der schöne und treffende Satz: "Die Demokratie ist die einzige Herrschaftsform, die in ständig neuer Kraftanstrengung gelernt werden muss." Denn die Demokratie ist zunächst ein Regelwerk und ein Gefüge von Institutionen, aber sie ist damit nicht vollständig beschrieben. Denn beides - Regelwerk und Institutionen - kann aus sich heraus nicht das notwendige Maß an Gemeinwohlorientierung erzeugen und gewährleisten, das die Demokratie braucht. Demokratie ist auf verantwortliche Akteure angewiesen, also auf die Tugenden, um ein altes Wort zu verwenden. Eine Denkschrift der Evangelischen und Katholischen Kirche hat auf diesen Punkt gerade hingewiesen, auf die Tugenden, die die Gemeinwohlorientierung ausmachen. Ethische Standards politischen Verhaltens, ein moralischen Maßstäben verpflichteter "Beruf zur Politik", wie Max Weber das genannt hat, das ist für eine lebendige funktionierende Demokratie existenziell notwendig. Und es ist eben nicht selbstverständlich, da hat Oskar Negt so unerhört Recht, das genau dies sich gewissermaßen von selber tradiert. Deshalb brauchen wir Demokratieerziehung, gerade auch in Zeiten grassierenden Demokratieverdrusses und grassierender Politik- und Politikerverachtung, die immer neu gepflegt wird und für die es Anlässe gibt ohne Zweifel, aber die auch medial verstärkt wird.
Kulturelle Bildung, ästhetische Erziehung (ich beherrsche mich, Kulturwissenschaft ist meine berufliche Profession und Ästhetik war meine wissenschaftliche Disziplin): Ich muss Sie, glaube ich, nicht überzeugen von dem außerordentlichen Rang musischer Erziehung und musischer Tätigkeit für die Ausbildung von Intelligenz und Kreativität. Die Ergebnisse der Gehirnforschung haben sich herumgesprochen. Konsequenzen daraus werden noch nicht angemessen gezogen. Wenn ich es richtig sehe, Sie widersprechen mir hoffentlich gleich.
Es geht darum, jungen Menschen den Zugang zu ermöglichen zum Raum der Kultur, denn die Kultur ist in besonderer Weise der Ort der Werte und Zielverständigung der Gesellschaft wie der Ort der Reflektion und freien Kreativität des Einzelnen. Die Kultur, und darin besonders die Künste, schafft Erfahrungsräume, wie ich das nenne, Erfahrungsräume menschenverträglicher Ungleichzeitigkeit, in denen die Menschen jenseits ihrer Marktrollen, nämlich Produzent und Konsument zu sein, in denen die Menschen jenseits dieser beiden Marktrollen agieren und sich wahrnehmen können. In der Kultur, in diesem Raum wird über Herkunft und Zukunft, über das Bedrängende und das Mögliche, über Sinn und Zwecke, über das Eigene und Fremde reflektiert, kommuniziert, gespielt, gehandelt. Die Kultur ist der Raum des Emotionalen, des Sinnlichen, des Symbolischen, in dem in freierer Weise das Eigene, die eigene Identität ausgebildet und erfahren werden kann, und zugleich das Fremde, die andere Kultur akzeptiert, anerkannt, integriert werden kann. Wo geht dies leichter als genau in diesem Raum der Kultur? Weil er ein Raum der Freiheit ist, und genau deshalb ist dieser Raum so wichtig für die Ausbildung von Identität, ohne Abgrenzung und Ausgrenzung -Unterscheidung ja, aber nicht Ausgrenzung und Abgrenzung! Deswegen ist der Raum der Kultur so wichtig für Verständigung, für die Ausbildung dessen, was ich für das sozialdemokratische kulturpolitische Projekt schlechthin halte, eine Kultur der Anerkennung zu entwickeln, die weit über die Künste hinausgeht, die dann in die Gesellschaft ausstrahlt.
Kulturelle Bildung, musische Erziehung soll den Zugang zu diesem Raum ermöglichen, zu dieser wesentlichen, sozialen und individuellen menschlichen Dimension gleichermaßen. Das geht nicht ohne musische Selbstbetätigung, ohne Entfaltung eigener Kreativität, die Kinder als Begabung schon haben und die sie unter Anleitung entwickeln sollen. Und das geht nicht ohne kulturelles Wissen.
Damit bin ich bei einem kleinen Punkt, besonders umstritten ist. Wenn ich von kulturellem Wissen rede, muss ich unweigerlich ein sehr konservativ erscheinendes Wort in den Mund nehmen: Es geht nicht ohne kulturellen Kanon, ohne eine Verständigung über das Minimum dessen, was die Mitglieder einer Gesellschaft an gemeinsamem kulturellen Wissen, an Beständen kulturellen Gedächtnisses haben müssen. Das ist nicht ein etwas starr Fixiertes und ein- für allemal Gültiges, aber es muss etwas Fassbares sein, dieses gemeinsame Wissen als Basis kultureller Verständigung. Das müsste gehen von der Bibel, über Goethe bis hin zum Tagebuch der Anne Frank, um einmal die Bandbreite zu beschreiben. Das sind unterschiedliche Dimensionen, literarisch-kulturelle Erinnerungsbestände genannt.
Damit bin ich bei dem letzten Punkt - religiös-weltanschauliche Bildung. Seien wir ehrlich: Wir machen gerade eine manchen befremdende, manchen entzückende Entdeckung. Das alte aufgeklärte Europa ist nicht die Regel in der Welt, sondern die Ausnahme in Sachen Religion. Wir erleben, was die Aufgeklärten erschüttert, eine Vitalität, eine hoch widersprüchliche Vitalität von Religion!
Dieses Europa aber hat einen wichtigen geschichtlichen Lernprozess in Sachen Religion hinter sich, nämlich die Mäßigung von Religion, das Erlernen von Toleranz und friedlicher Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Weltanschauungs- und Glaubensansprüchen. Es hat gelernt, Religion und Politik deutlich zu unterscheiden und die Trennung von Kirche und Staat zu praktizieren. Aber mit diesem Lernprozess - wir erleben es in Europa und die anderen Teile unseres Globus spiegeln es uns zurück - mit diesem Lernprozess sind religiöse und weltanschauliche Sinnfragen und Sinnhorizonte nicht erledigt. Deswegen ist es wichtig, dass wir Kindern und jungen Menschen ermöglichen Sinnfragen zu stellen, Religions- und Weltanschauungsfragen zu stellen.
Ich sage das auch, weil ich gelegentlich den Eindruck habe, dass eine Art unaufgeklärter kämpferischer Atheismus á la DDR weiter lebt, ja sich ausbreitet. Und manchmal, wenn ich manche Debatten in unserer eigenen Partei sehe, habe ich den Eindruck, dass beim Thema Werteerziehung der Staat sich zugleich auch als Weltanschauungslehrer aufspielen möchte, was unserem Grundgesetz widerspricht und auch bestimmten geschichtlichen Erfahrungen. (LER) ist gewiss eine Möglichkeit, aber besser ist es, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften als authentische Partner auf diesem Feld zu gewinnen und sie fair zu behandeln. Denn Sie kennen das berühmte Zitat des ehemaligen Verfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförder: "Der säkulare Staat, die plurale Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, für die sie selber nicht sorgt", sondern für die kulturelle Gemeinschaften, z.B. Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften sorgen.
An dieser Stelle zitiere ich dann noch einmal aus dem Entwurf des Grundsatzprogramms: "Für uns Sozialdemokraten ist das besondere Engagement der Kirchen, der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften bei der Vermittlung von Werten und ihre soziale Verantwortung für das Gemeinwohl unersetzlich. Wir suchen das Gespräch mit ihnen und die Zusammenarbeit in freier Partnerschaft." Das sollte auch für dieses Feld der Werteerziehung gelten.
Zum Schluss, meine Damen und Herren: Menschenwürde: Der Artikel 1 des Grundgesetzes, "Die Würde des Menschen ist unantastbar", das ist der wichtigste Satz des Grundgesetzes. Menschenwürde, das ist vielleicht der Kern einer Art - und der Ausdruck soll Sie jetzt nicht provozieren - Zivilreligion, nämlich einer fundamentalen Wertübereinstimmung unserer in jeder Hinsicht pluralen Gesellschaft. Am Inhalt, also am Verständnis des Begriffs Menschenwürde, und auch an der Übereinstimmung ist immer neu zu arbeiten. Insofern ist Werteerziehung, jetzt kommt ein klassisches sozialdemokratisches Wort, eine dauernde Aufgabe und wahrlich und wirklich kein konservatives Projekt!
Herzlichen Dank fürs Zuhören.