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11. Juni 2012

Grußwort zur Ausstellungseröffnung "Praha - Prag 1900 - 1945. Literaturstadt zweier Sprachen, vieler Mittler"

 

Grußwort von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse zur Eröffnung der Ausstellung „Praha – Prag 1900-1945. Literaturstadt zweier Sprachen, vieler Mittler“, in der Humboldt Universität am 4. Juni 2012, 20 Uhr

 

Herr Vizepräsident (Prof. Dr. Kämper-van den Boogaart),
Herr Botschafter (Dr. Jindrák),
lieber Herr Dr. Becher (Adalbert Stifter Verein),
meine sehr geehrten Damen und Herren,

dass Prag zu den faszinierenden Literaturmetropolen Europas zählt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Prag war über Jahrhunderte Lebensmittelpunkt und Wirkungsort böhmischer / tschechischer, jüdischer, deutscher Autoren, hier entstanden bedeutende Werke der Weltliteratur in verschiedenen Muttersprachen. Und all diesen Werken hat die Moldau-Stadt ihren unverwechselbaren Stempel aufgedrückt.

Meine erste Verbeugung an diesem Abend gilt den großen tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sie sind in Deutschland bestens bekannt, ihre literarischen Werke werden geschätzt: Jaroslav Hašek, Karel Čapek, Bohumil Hrabal, Milan Kundera, Václav Havel, Pavel Kohout, Jiři Gruša.

Den letztgenannten Autoren fühlen sich viele Ostdeutsche auch politisch eng verbunden: Sie gehörten zu den Wortführern des Prager Frühlings und zu den Aktivisten der Charta 77, sie spielten eine wichtige Rolle in der europäischen Freiheitsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Auch sie traten als „Mittler“ auf: Sie vermittelten politisches Selbstbewusstsein gegen die Anmaßungen der Diktatur. Sie protestierten gegen Menschenrechtsverletzungen und forderten mehr Demokratie. Sie motivierten und stärkten die Oppositionsbewegungen – in der Tschechoslowakei, in der DDR, im gesamten Ostblock.

Staatspräsident Vaclav Havel wird auch an diese gemeinsame historische Erfahrung gedacht haben, als er 1995 in einer Rede im Karolinum zu Prag die „jahrhundertealte intellektuelle Koexistenz von Tschechen und Deutschen“ in Erinnerung rief – ohne die schmerzenden Konflikte der jüngeren Geschichte zu verdecken.

Ein besonders spannendes und anregungsreiches Kapitel dieser „intellektuellen Koexistenz“ erzählt die Ausstellung „Prag – Literaturstadt zweier Sprachen, vieler Mittler“ des Münchner Adalbert-Stifter-Vereins und des Prager Museums Tschechischer Literatur.

Die Liste der deutschsprachigen, oft jüdischen Autoren, die in den ersten viereinhalb Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Prag lebten und wirkten, ist eindrucksvoll – sie reicht von Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Franz Werfel über Egon Erwin Kisch, F. C. Weißkopf, Friedrich Torberg und vielen anderen bis hin zu Lenka Reinerová, der letzten Prager Autorin deutscher Sprache. (Sie ist vor vier Jahren verstorben.)

Doch nicht sie, die Prager Schriftstellerinnen und Schriftsteller, stehen im Zentrum dieser Schau, sondern jene Männer und Frauen, die deren Werke übersetzt haben – ins Tschechische oder ins Deutsche.

Diese Ausstellung ist den „Arbeitern im Weinberg der Literatur“ gewidmet. Ohne ihr Engagement, ohne ihr Wissen, ohne ihr Gespür für gute Texte wäre die „intellektuelle Koexistenz“, von der Vaclav Havel gesprochen hat, wäre diese „besondere Art schöpferischen Zusammenlebens von Tschechen und Deutschen“ gar nicht denkbar.

Die Darstellung der zum Teil dramatischen Lebensschicksale der Übersetzerinnen und Übersetzer halte ich für einen ebenso klugen wie verdienstvollen Ansatz in der Vermittlung von Literatur¬geschichte: In den Lebenswegen dieser Persönlichkeiten spiegeln sich die Potentiale und Konflikte einer ganzen Epoche.

Dieser Ansatz ermöglicht lebendige Einblicke hinter die Kulissen aus Text. Spürbar wird die große Leidenschaft, mit der sich die literarischen Mittler, die ja häufig selbst gestandene Autoren waren, für die Arbeiten ihrer Kolleginnen und Kollegen eingesetzt haben – wie etwa Max Brod für Franz Kafka (um nur das bekannteste Beispiel zu nennen).

Ich verstehe diese Ausstellung als Würdigung der Kärnerarbeit der Literaturvermittler, die ja auch heute nicht immer die Anerkennung erfährt, die sie verdient.

Als ehemaliger Student und Mitarbeiter dieser Universität freue ich mich, dass die Ausstellung an diesem Ort gezeigt wird. Ich erinnere mich gut an manche der ideologisch überfrachteten Debatten, die die marxistische Literaturwissenschaft in den 60er und 70er Jahren über einige der Prager Autoren geführt hat – zum Beispiel über (oder sollte ich sagen: gegen) Franz Kafka.

Ich hoffe sehr, dass sich die Studierenden dieser Universität für die Ausstellung interessieren, sie als intellektuelles Angebot begreifen und sich literarisch inspirieren lassen. Es lohnt sich!

Ein herzliches Dankeschön an alle Persönlichkeiten und Institu-tionen, die diese Wanderausstellung ermöglicht haben. Ich danke dem Adalbert Stifter Verein (mit Herrn Dr. Becher), dem Prager Museum Tschechischer Literatur, dem Institut für Slawistik der HUB, dem Tschechischen Zentrum Berlin, dem Deutschem Kulturforum Östliches Europa.

Herzlichen Dank!