18. April 2016

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Laudatio auf Christel und Rupert Neudeck zur Verleihung des Erich-Fromm-Preises

 

 Stuttgart 6. April 2016

 

 

 

Wolfgang Thierse

Laudatio auf Christel und Rupert Neudeck zur Verleihung des Erich-Fromm-Preises (für ihr Lebenswerk)

 

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Verehrte Mitglieder der Erich-Fromm-Gesellschaft!

Liebe Christel und lieber Rupert Neudeck!

 

„Diese Jury ist die erste, der aufgefallen ist, dass Christel und ich … alles zusammengemacht haben“, so hat Rupert Neudeck vor einigen Wochen die Entscheidung der Erich-Fromm-Preis-Jury kommentiert. Und er hat recht: Rupert Neudeck hat schon zahlreiche Ehrungen erfahren, dies heute ist die erste gemeinsame mit seiner Frau. Deshalb gilt meine erste Gratulation der Jury für diese überaus angemessene, zutreffende und längst fällige Wahl!

 

Rupert Neudeck bezeugt es ausdrücklich: „Die Heldin unseres radikalen Lebens war Christel Neudeck, nicht etwa ich.“ Und in Erinnerung an die Zeiten von Cap Anamur schreibt er: „Alles spielte sich in unserer Wohnung ab, und alles hat die Christel Neudeck gemanagt. … Das Radikale bestand darin, sich mit Haut und Haaren dem Unternehmen „Lebensrettung im südchinesischen Meer zu widmen. Das Eigentum, die Wohnung, die Schlafstellen, die Kinder mit ihren Bedürfnissen. … Damals war sie die Königin des Vereins. Sie kannte alle, sie hatte alle vorbereitet, sie hatte für alle die Rettungsflugwacht und die Berufsgenossenschaft vereinbart, sie hatte die Gespräche geführt bis mitten in die Nacht. Gab es je eine großartigere Erfahrung mit der humanitären Aktion, als im Wohnzimmer gemessen und gewogen und für tauglich oder nicht tauglich beurteilt zu werden.“ – Dafür, für die Wahrheit dieser Feststellung gibt es viele Zeugen aus dem Kreis der Akteure und Aktivisten von Cap Anamur und der Grünhelme (und einige von ihnen sind ja hier im Saal).

 

Beide, Cap Anamur und Grünhelme, waren vor allem Familienunternehmen – keine großen Hilfsorganisationen – das ist eine, wie ich meine, bis heute staunenswerte Tatsache.

Nicht eine – mehr oder nicht selten auch minder effektive – Hilfs-Bürokratie war es, sondern es waren riesengroßes Engagement, persönlicher Einsatz, Leidenschaft, Nerven, Hartnäckigkeit, Freude, die beide Projekte ausdauernd getragen haben.

 

Ich zitiere noch einmal Rupert Neudeck: „Radikal leben heißt nicht, sich ständig am Riemen zu reißen und etwas wahnsinnig Anstrengendes zu tun, das wehtut, und bei dem man nichts zu lachen hat. … Wir waren nicht griesgrämig oder sauertöpfisch. Wir freuten uns.“

 

Das kann ich aus eigener Wahrnehmung bezeugen. Und deshalb muss ich jetzt ein Geständnis ablegen: Ich bin in Sachen Neudeck befangen – auf doppelte Weise. Wir sind befreundet, aber das ist keine öffentliche (demonstrative) Freundschaft. Wir kennen uns seit 47 Jahren, jedenfalls Rupert Neudeck und ich (Christel Neudeck habe ich ein paar Jahre später kennengelernt.) Wenn ich mich richtig erinnere war es 1969, als Du mit anderen Studenten bei einem Treffen zwischen der Münsteraner und der Ostberliner Katholischen Studentengemeinde dabei warst – und dann immer wieder gekommen bist zu – fast konspirativen – Treffen in unserer Hinterhauswohnung oder anderswo, um zu berichten, z. B. über die Prager Dissidenten, Deine Begegnungen mit ihnen. Unvergesslich ist mir Dein Bericht über die Treffen mit Jan Patocka und Milan Machovec, zwei Philosophen der Dissidenz, mit den Akteuren der Charta 77. Wir haben heftig politisch diskutiert – in einem engen, vertrauten und vertrauenswürdigen Freundeskreis, der über Jahrzehnte bestand hatte – und bis heute besteht. Welch‘ kostbare Kontinuität in wahrlich wechselvollen Zeiten! Und ich bin dankbar dafür, dass Ihr diesen Kontakt über die Mauer hinweg und auch über die Mühen der Ebenen nach dem Mauerfall hinweg immer aufrechterhalten habt – trotz Eures engagierten Lebens, an dem ich auf diese Weise persönlich ein wenig teilhaben konnte.

 

Für dieses engagierte Leben habe ich Euch – eingesperrt in der DDR – wirklich bewundert, Ihr habt mich beschämt – mit meinem kleinen DDR-Leben, damals. Um es noch etwas genauer zu sagen: Dich, Rupert, habe ich beneidet für die Radikalität Deines Lebens, Deines humanitären Einsatzes. Und Dich, Christel, habe ich bestaunt für Deine wahrlich staunenswerte Begabung, das Prinzip Hoffnung zu leben, so einfach in Lebenspraxis umzusetzen.

Und ich bin froh und dankbar dafür, dass ich Euch viele Jahre später, als ich dazu endlich in der Lage war, ein wenig helfen konnte bei eurer Arbeit mit den Grünhelmen.

 

Was war Cap Anamur? Was sind die Grünhelme?

 

Die Geschichte von Cap Anamur begann 1979 mit Fernsehbildern vom südchinesischen Meer, von der Flucht Tausender (Süd-)Vietnamesen. Rupert Neudeck war bis dahin ein arbeitsamer Journalist mit vielen Kontakten. Angesichts der Bilder, so erinnert er sich, konnte er es nicht ertragen, nur zuschauen zu sollen. Angeregt durch das französische Beispiel begründete er mit anderen Unterstützern – Heinrich Böll war der prominenteste von ihnen – das Hilfskomitee „Ein Schiff für Vietnam“, erreichte die – durch die Fernsehbilder bewegte – deutsche Öffentlichkeit und eine überraschend große (auch finanzielle) Unterstützung. 1,3 Mio. Mark an Spenden im Sommer 1979. Und vor allem: Neudeck erreicht die Zusicherung deutscher Politiker, Bootsflüchtlinge in Deutschland aufzunehmen.

 

„Deutsche wurden Menschenretter“ – hat Rupert Neudeck im Rückblick mit ein wenig stolzem Erstaunen festgestellt.

 

Ca. 45.000 Vietnamesen wurden über die Jahre hin gerettet und in Deutschland aufgenommen und integriert!! (Davon wurden 11.300 von den Rettungsschiffen Cap Anamur I/II/III gerettet.)

 

Aber Cap Anamur – das waren nicht nur Rettungsaktionen auf See, sondern eine Vielfalt von Aktivitäten an Land, auf verschiedenen Kontinenten.

 

Damit Sie sich den Umfang der humanitären Aktionen vergegenwärtigen können, zähle ich die wichtigsten Einsätze chronologisch auf (so viel Geduld müssen Sie jetzt haben):

 

9. August 1979 Beginn und Juli 1982 Ende der Rettungsaktionen der Cap Anamur  nach Rettung von 9.507 Flüchtlingen; 1979/1980 Erste Landaktion an der kambodschanischen Grenze; 1980 erste Afrika Aktion: Versorgung von Flüchtlingen in Lagern in Nord-Somalia;1981 bis 1989 Hilfsaktion im Nordwesten Ugandas; Juni 1982 Beginn der Arbeit im Libanon nach dem Einmarsch der Israelischen Armee; 1983 Beginn der Aktionen in Äthiopien nach Ausbruch der Dürre-Katastrophe; 1984 Aktion des Komitees im Tschad, nach dem Bürgerkrieg, Start einer Rehabilitation des Krankenhauses in Abeche; 1986 Arbeit in zwei Nordprovinzen des Bürgerkriegslandes Mozambique; 1986 Cap Anamur II: Rettung von 888 vietnamesischen Bootsflüchtlingen im südchinesischen Meer; 1986 Beginn der Arbeit in Geneina Darfur im Westsudan (bis 2002); 1987 Arbeit in Kolumbien in der Küstenprovinz Choco; 1987 Cap Anamur III rettet 905 vietnamesische Bootsflüchtlinge; 1988 Beginn der Arbeit in Vietnam (Provinzen im Norden) (bis 1994); 1988 bis 1993 Arbeit in Eritrea und Tigray; 1988 Arbeit in Afghanistan während des Krieges der Sowjetunion mit den Afghanen; 1989 Beginn einer medizinischen Arbeit in der sibirischen Bergwerksregion Kusbass; 1989 Beginn der Arbeit in Süd-Afrika (noch unter der Apartheid), illegal arbeitende Teams in den Homelands; 1991 Arbeit für die aus dem Irak von Saddam Hussein vertriebenen Kurden, Rückführung in den Nord-Irak und Aufbau des Hospitals in Choman; 1992 Beginn der ersten Minenräumaktion und der medizinischen Arbeit in Angola (bis 1996); 1993 Beginn der Arbeit in Bosnien: Programm Ein Dach über dem Kopf, über 2.000 Häuser werden fertiggestellt mit Hilfe zur Selbsthilfe; 1994 Beginn der Arbeit in Tschetschenien, Aufbau des Kinderhospitals in Grozny; 1994 bis 1997 Arbeit noch während des Völkermordes in Ruanda; 1995 Arbeit in Haiti: Gesundheitsstationen und Nahrungskrippen; 1997 Arbeit in Kisangani – Zaire; 1997 bis 2002 Arbeit in den Nuba Bergen als einzige Hilfs-Organisation; 1998 Beginn der Arbeit im Kosovo; 1998 Arbeit in Nord-Korea, Rehabilitation von Hospitälern; 1998 Neubeginn der Arbeit in Ingushetien und Tschetschenien nach Beginn des zweiten Tschetschenien-Krieges; 1999 Medizinische Arbeit in Nord-Somalia; 2000 Beginn der Rehabilitation des Behindertenheimes in Kulina/Serbien; 2001 Arbeitsbeginn in Nord Afghanistan, Ambulanzen in Zolm, Lala Gozar, Deshte Qala, Hodschagar.

 

Welch‘ Panorama humanitären Engagements einer kleinen, „familiären“ Hilfsorganisation!! Das ist fast unglaublich.

 

Und dann die „Grünhelme“, gegründet am 7. April 2003 im Wohnzimmer der Neudecks in Troisdorf. Eine zusätzliche und zugleich neuartige Initiative – als hätten die Neudecks Angst vor einem humanitären horror vacui – nach dem Ende ihres Engagements für Cap Anamur. Aber es ist doch eine besondere Idee, die diese neue Initiative prägt und trägt: Es ist ein Hilfs- und Wiederaufbauprojekt, das ausdrücklich Helfer aus verschiedenen Religionen und Kulturen zu gemeinsamer Aufbauarbeit zusammenführt. „Christen und Muslime (und andere Menschen guten Willens) bauen gemeinsam auf, was andere widerrechtlich zerschlagen haben“, so hat Neudeck die Idee beschrieben. Also praktischer – nicht nur rhetorischer – Dialog. Der Idee der Friedenscorps folgend und einen Wunsch von Klaus Töpfer, damals Leiter des UNO-Umweltprogramms, verwirklichend: „Je mehr Grünhelme wir in die Welt versenden, desto weniger Blauhelme brauchen wir.“

 

Die Grünhelme sind in den Konflikt- und Kriegsregionen des Nahen Ostens und Afrikas und Afghanistans tätig und bauen zusammen mit den Einheimischen auf, was zerstört wurde – und stiften so Hoffnung und praktizieren Solidarität ganz unmittelbar: „Grünhelme schenken den Habenichtsen auf dieser Welt drei Monate Arbeit, ohne dabei etwas zu verdienen“ (R. Neudeck). Gegenwärtig sind sie auch in Griechenland tätig, in den dortigen Flüchtlingslagern.

 

Für die Neudecks war dieses solidarische Handeln ihre Reaktion auf 9/11, auf den Golfkrieg, auf den behaupteten „clash of civilizations“. Konkrete Versöhnungsarbeit statt neuer Kreuzzüge und Antikreuzzüge; darum ging es ihnen. Wieder organisiert vom Troisdorfer Wohnzimmer aus, von Christel Neudeck zu Hause. Und Rupert Neudeck unterwegs, erkundend wo konkrete Projekte notwendig und möglich sind, wo es Kooperationspartner vor Ort gibt.

 

So sind viele Schulen und Häuser an vielen Orten entstanden, in gemeinsamer Arbeit von vielen engagierten Menschen. Und die Initiative geht, lebt weiter – auch nachdem sich die Neudecks aus der ersten Reihe zurückgezogen haben. Die Idee trägt also.

 

Was ist das Fundament dieser 35jährigen humanitären Unbedingtheit? Was hat die Neudecks motiviert und durchhalten lassen durch alle Durststrecken, Gefahren, Enttäuschungen und, ja, auch Verdächtigungen und Kritik (die es ja auch gegeben hat)?

 

Rupert Neudeck hat immer wieder an seine eigene Fluchterfahrung erinnert: In Danzig geboren ist er nur durch einen Zufall dem Tode entronnen. Seine Mutter erreichte mit den Kindern die „Wilhelm Gustloff“ nicht, die dann nach Torpedobeschuss mit 7.000 Flüchtlingen an Bord gesunken ist.

 

Er und Christel ziehen aus ihrem christlichen, katholischen Glauben verpflichtende radikale Konsequenzen. Immer wieder weisen sie auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (im Neuen Testament) hin, dessen Pointe ja nicht heißt: Wer ist mein Nächster, sondern wem habe ich der Nächste zu sein.

 

Sie erinnern an Vorbilder und Freunde, an Heinrich Böll vor allem und die vielen engagierten Freunde und Mitstreiter, die ihnen Ermutigung waren und sind – so wie die Neudecks diesen Mitstreitern Ermutigung waren und sind. Übrigens – und das ist nicht unwichtig – die eigene Familie, die Kinder also, gehören ausdrücklich dazu. Welch‘ Glück, so eingebettet zu sein!

 

Nicht zu vergessen ist die intellektuelle Prägung, über die Rupert Neudeck sich und uns auch öffentlich Rechenschaft gibt: Er hat offensichtlich nicht folgenlos mit einer Arbeit über die „Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus“ promoviert.

In einem seiner Bücher – Rupert Neudeck schreibt ständig, verarbeitet so seine Erlebnisse, versichert sich so seiner Erfahrungen und Einsichten – in einem seiner Bücher also zitiert er Sartre aus einem Gespräch im Jahr 1979 mit folgenden Sätzen: „Man muss versuchen zu lernen, dass man sein Sein, sein Leben nur suchen kann, indem man für die anderen tätig ist. Darin liegt die Wahrheit. Es gibt keine andere“.

 

Mir ist dieser Gedanke sehr vertraut als Kurzformel für das, was christliche Existenz heißt, nämlich: Dasein für andere.

 

Nicht mehr nur zuschauen. Nicht ertragen können, nur schauen zu sollen. Das ist die Konsequenz aus all dem. Und auch aus unserer deutschen Geschichte: „Die Arbeit von Cap Anamur war für mich der schönste Ausdruck der Sehnsucht, nie mehr feige zu sein“ – nach der entsetzlichen Feigheit so vieler Deutscher in der (Nazi-) Vergangenheit. So sagt es Rupert Neudeck.

 

Ist die Saat der Neudecks aufgegangen in unserem Land oder verdorrt sie gerade wieder?

Lassen Sie mich also einige Bemerkungen zur deutschen Aktualität machen.

 

Wir erleben ja, wie sich die politische Tagesordnung heftig verändert hat – durch die Hunderttausende die zu uns flüchten, als wäre Deutschland das gelobte Land, das Paradies auf Erden. Welch‘ riesige Hoffnungen, welche zu befürchtenden Enttäuschungen (denn Deutschland kann das Paradies auf Erden nicht sein), welche große Herausforderung!

 

Könnten wir Deutschen (frage ich mich und Sie) nach den vergangenen Monaten nicht nur überrascht und verängstigt, sondern auch ein wenig stolz darauf sein, dass ausgerechnet unser Land, das verantwortlich war für das größte Massenverbrechen im 20. Jahrhundert, das Flucht- und Vertreibung verursacht hat – dass ausgerechnet dieses Land Ziel der Hoffnung und Sehnsüchte so vieler Menschen geworden ist?! Dass Deutschland das Image der Sicherheit, der Freiheit, der Menschlichkeit hat?! Dafür können wir uns meinetwegen „moralischen Imperialismus“ (Viktor Orban) vorwerfen lassen. Dieser Vorwurf ist mir lieber, als der Vorwurf anderer Arten von Imperialismus. Dieser kleine, ganz kleine Stolz soll nichts von den Problemen verdecken, die die Einwanderung von Hunderttausenden Fremden nach Deutschland hervorrufen werden. Und er darf nicht in moralischer Überheblichkeit enden.

 

Gewiss ging und geht es zunächst und auch weiterhin vor allem um unmittelbare Hilfe und um menschenfreundliche Aufnahme und damit um die Bewältigung immenser praktischer Probleme. Die „Willkommenskultur“, die freundliche Aufnahme durch eine Mehrheit der Deutschen war und ist sowohl überraschend wie erfreulich. Sie macht mir das eigene Land unendlich viel sympathischer.

 

Aber wir können sehen, wie schwer das durchzuhalten ist (und haben auch deshalb keinen Anlass zu moralischer Arroganz).

 

Könnten wir das also miteinander verknüpfen: Empathie mit den Flüchtlingen, menschenfreundliche Aufnahme der aus Krieg und Not zu uns Kommenden, das herzliche Willkommen, das so viele Bürger in Deutschland auf beeindruckende Weise gezeigt haben – mit der nüchternen Einsicht, dass diese so sympathische Willkommenskultur übersetzt werden muss in den mühseligen Alltag von Integration, die nicht ohne viele praktische Probleme, ohne soziale und finanzielle Lasten zu haben sein wird! Hier ist politische Rationalität gefragt und nicht der Versuch, parteipolitisch daraus Kapital zu schlagen oder gar Ängste, Unsicherheiten, Vorurteile, Wut auszubeuten für den eigenen politischen Vorteil.

 

Wir ahnen, dass die deutsche Gesellschaft sich durch Migration stark verändern wird. Sich auf diese Veränderung einzulassen, ist offensichtlich eine anstrengende Herausforderung, erzeugt Misstöne und Ressentiments und macht vielen (Einheimischen) Angst, vor allem unübersehbar und unüberhörbar im östlichen Deutschland. Pegida ist dafür ein schlimmes Symptom. Die Wahlerfolge der AfD sind ein anderes. Vertrautes, Selbstverständliches, soziale Gewohnheiten und kulturelle Traditionen: Das alles wird unsicher, geht gar verloren. Individuelle und kollektive Identitäten werden infrage gestellt – durch das Fremde und die Fremden, die uns nahegerückt sind – durch die Globalisierung, die offenen Grenzen, die Zuwanderer, die Flüchtlinge. Die Folge sind Entheimatungsängste, die sich in der Mobilisierung von Vorurteilen, in Wut und aggressivem Protest ausdrücken.

 

Der Mechanismus, das Muster ist nichts Neues: In Zeiten von Verunsicherung, von Ängsten werden Menschen besonders empfänglich für die Botschaften der Vereinfachung, der Schuldzuweisung, also des Rassismus, des Antisemitismus, der Ausländerfeindschaft, der Demokratie-Ablehnung und schließlich der Gewalt. Gefährliche Zeiten. Die Bilder aus Tröglitz, Dresden, Meißen, Heidenau, Erfurt, Nauen und zuletzt aus Clausnitz und Bautzen zeigen es: Fremdenfeindliche Exzesse haben eine breitere Basis als in den 90er Jahren. Die Grenzen zwischen besorgten Bürgern, die ihre Ängste wütend ausdrücken, und den Rassisten und Demokratiefeinden der Neonaziszene sind fließend geworden. Aus Vorurteilen und Angst wird Wut wird Hass wird Gewalt. Jeden Montag, jeden Tag, in Sachsen und anderswo in Deutschland! Im Jahr 2015 gab es 1.000 Straftaten gegen Flüchtlinge über das ganze Land verteilt. In diesem Jahr waren es bereits 270 Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte, Darunter 29 Brandstiftungen. Eine beunruhigende Situation.

 

Das ist unsere demokratische Herausforderung und sie ist politisch-moralischer Natur. Dieser Entwicklung zu begegnen, zu widersprechen, zu widerstehen: Dem rechtspopulistischen, rechtsextremistischen Trend, der sichtbar stärker geworden ist!

(Ich zitiere eine Interviewäußerung von Volker Kauder vom heutigen Tag: „Wir können die Wähler von der AfD nicht mit den Sprüchen der AfD zurückholen.“ Recht hat er.)

 

Was ist zu tun? Worüber müssen wir uns in unserem Land, in unserer Gesellschaft verständigen? Vor dem Hintergrund des hunderttausendfachen Zustroms von Fremden, der vielen Problemen und Ängste und einer verunsicherten, gespaltenen Gesellschaft.

 

Ich will nur vier Punkte ansprechen.

 

1.

Notwendig ist Ehrlichkeit im Ansprechen und Aussprechen der Probleme und Herausforderungen durch die Zuwanderung so vieler Menschen. Ohne Beschönigungen, aber auch ohne Dramatisierungen und ohne Hysteristerung, also so sachlich wie möglich, sollten Politiker über die Probleme sprechen, aber auch die Chancen benennen.

 

Das heißt vor allem zu begreifen, dass eine pluralistischer werdende Gesellschaft keine Idylle ist, sondern  voller sozialem und kulturellem Konfliktpotential steckt. Das heißt auch zu begreifen, dass Integration eine  doppelte Aufgabe ist: Die zu uns Gekommenen sollen, sofern sie hier bleiben wollen, heimisch werden im fremden Land – und den Einheimischen soll das eigene Land nicht fremd werden.

 

Die Erfüllung dieser doppelten Aufgabe verlangt viel Kraft und viel Zeit. Erinnern wir uns an die Integration von 15 Mio. Flüchtlingen und Vertriebenen nach 1945, ein schwieriger Prozess der mindestens zwei Jahrzehnte gebraucht hat. Erinnern wir uns an die sog. „Gastarbeiter“. Der Schweizer Max Frisch hat einmal gesagt: „Wir haben Arbeitskräfte gerufen und gekommen sind Menschen.“ Die alte Bundesrepublik hat lange der Selbsttäuschung angehangen, dass man sich um die Gastarbeiter und deren Integration nicht kümmern müsse. Die Folgen dieser Lebenslüge der alten Bundesrepublik sind bis heute wahrnehmbar. Und erinnern wir uns an die „innere Einheit“ der Deutschen: Auch nach 25 Jahren sind nicht alle Differenzen zwischen West und Ost überwunden.

 

Ich rufe diese Erinnerungen auf, um ausdrücklich zu sagen, wenn wir die Integrationsaufgabe heute annehmen und erfolgreich bewältigen, dann wird unser Land reicher und lebenswerter sein.

 

2.

Notwendig sind, selbstverständlich, sichtbare und hoffentlich erfolgreiche  Anstrengungen zur praktischen Lösung der Probleme der Aufnahme so vieler Fremder. Dabei wissen wir: Je größer die Zahl, um so größer die Integrationsprobleme. Deshalb sind ja fast alle Politiker der Meinung, dass Begrenzungen der Zuwanderung unvermeidlich sind. Der Streit geht darüber, wie das politisch vernünftig, rechtlich einwandfrei und menschlich anständig gelingen kann.

 

Es ist verantwortungslos, Patentlösungen zu verkünden, diese wecken nur Illusionen und erzeugen um so mehr wütende Enttäuschungen.

 

Es geht also um ein ganzes Bündel von Anstrengungen und Maßnahmen gleichzeitig, die ich hier nur stichwortartig nenne: Beschleunigung der Verfahren, Rücknahmeabkommen, Verbesserung der Situation in den Flüchtlingslagern, erheblich mehr finanzielle Unterstützung für den UNHCR, um Hilfe dort zu leisten, wo die Not am größten ist. Sodann der Versuch, der mühevolle Versuch, den Bürgerkrieg in Syrien zu beenden. Verabredungen zur fairen Lastenverteilung innerhalb der Europäischen Union, aber auch im eigenen Land, also Kontingente, ein Einwanderungsgesetz, eine Vereinheitlichung des europäischen Asylrechts usw. usf.

 

3.

Notwendig ist eine offene und offensive Debatte darüber, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. In einer unsolidarischen, „homogenen“, eingesperrten Gesellschaft? Wir Ostdeutschen haben aber doch nicht die Mauer eingedrückt, damit wir Deutschen unter uns bleiben, in einer geschlossenen eingesperrten Gesellschaft. Wir wollten doch ins Offene und Freie! Wollen wir also jetzt das vereinigte Land egoistisch und wieder mit Hilfe eines Schießbefehls verteidigen und einen Wohlstandsnationalismus oder gar Wohlstandschauvinismus pflegen? Oder wollen wir nicht vielmehr eine  Gesellschaft der Grundwerte, der Menschenrechte sein? Und ein Land, das seinen humanen Verpflichtungen nachkommt. Der wichtigste Satz des Grundgesetzes heißt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Da steht nicht, die Würde des Deutschen ist unantastbar.

 

Das ist also die doppelte Aufgabe, die der Begriff Integration meint: Sie wird nur dort gelingen, wo beide Seiten, sowohl die zu uns Kommenden wie auch die Aufnahmegesellschaft Integration wollen und das Notwendige dafür tun. Gegen die Mehrheit einer Gesellschaft kann Integration nicht gelingen und ohne die Integrationsbereitschaft und den Integrationswillen der zu uns Gekommenen auch nicht!

 

4. Darauf müssen wir uns einstellen:

 

Unser Land wird dauerhaft pluralistischer, also ethnisch und religiös und kulturell vielfältiger und widersprüchlicher werden. Dieser Pluralismus wird keine Idylle sein, sondern steckt voller politisch-sozialer und religiös-kultureller Konfliktpotential.

 

Nach den (zunächst und vor allem) notwendigen Anstrengungen zu unmittelbarer Hilfe und menschenfreundlicher Aufnahme muss sich unser Land diesem Konfliktpotential stellen, wenn Integration – besser als in früheren Jahrzehnten – gelingen soll. Und diese Herausforderung ist nicht nur politischer und ökonomischer und finanzieller und sozialer Art, sondern ganz wesentlich auch kultureller Natur. Denn wenn in einer migrantischen Gesellschaft, die Deutschland noch mehr werden wird, Integration eine der großen Aufgaben ist und bleiben wird, dann müssen wir eine Vorstellung davon haben, wo hinein die zu uns Kommenden integriert werden sollen. Dann müssen wir die einfache und zugleich manchen unangenehme Frage beantworten, wer wir sind, was wir anzubieten haben, wozu wir einladen.

 

Und wir könnten dies durchaus mit gelassenem Selbstbewusstsein tun. Schließlich kommen die Flüchtlinge ausdrücklich nach Deutschland, wollen unbedingt zu uns – wegen unseres wirtschaftlichen Erfolgs und unseres Wohlstands, gewiss. Aber doch auch wegen unseres Rechtsstaates, unserer Demokratie, unserer politischen Stabilität – die Schutz und Sicherheit und Zukunft verheißen – und also auch wegen des Image der Menschlichkeit, das unser Land sich erworben hat.

 

Zu diesem freundlichen Gesicht Deutschlands haben Christel und Rupert Neudeck ihren Teil beigetragen!

 

Kann man von der Unbedingtheit ihres humanitären Einsatzes etwas lernen? Kann man die Rücksichtslosigkeit der Neudecks gegenüber Bedingungen, Begrenzungen, Bedenken, Unsicherheiten, Gefahren gar nachahmen?

Ich glaube, ja. Allerdings unter einer gewichtigen Voraussetzung, von der sie selbst sprechen (und die auch ich an ihnen wahrgenommen habe).

In den Worten von Christel Neudeck: „Ich habe diese Arbeit geliebt, das Leben war intensiv, es war spannend, es war wie  ein i-Punkt auf all dem Glück, das ich ohnehin schon hatte.“

Und Rupert Neudeck sagt es so: „In seinem Roman ‚Die Pest‘ beschreibt Camus die Auseinandersetzung zwischen einem Arzt und einem Journalisten: ‚Man muss sich nicht schämen, glücklich zu sein‘, sagt der eine. Und der andere antwortet: ‚Aber man kann sich schämen, alleine glücklich zu sein.“ Diese Philosophie, diese Scham alleine glücklich zu sein, hat auch meine Arbeit bei Cap Anamur und später bei den Grünhelmen geprägt.“

 

„Wir wollten nicht alleine glücklich sein“, ist ein Interview mit den Neudecks (in Publik Forum) überschrieben – das ist die treffende Überschrift über ihr Leben.

Und in der taz konnte man vor Jahren lesen: „Neudecks Geschichte ist nicht nur eine Rettergeschichte. Sie ist auch eine Liebesgeschichte. Christel Neudeck ist seine Frau, die Retterin des Retters.“ So war es! So ist es!

 

Ich gratuliere Euch beiden zur Auszeichnung mit dem Erich-Fromm-Preis!

 

Ich wünsche Euch und uns, dass Eure humanitäre Leidenschaft weiterhin ansteckend ist und viele Menschen bewegt, zu spenden und mitzutun! Damit Eure Saat nicht verdorrt!

 

Und ich wünsche Euch vor allen, das Euer gemeinsames Leben weiter so intensiv, so spannend bleibt – um Euretwillen und um unseretwillen!