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9. Juni 2007

Laudatio auf die Barmherzigkeit, Evangelischer Kirchentag Köln

Eine Laudatio auf die Barmherzigkeit soll ich halten - nachdem wir schon den ganzen Tag Beispiele und Erfahrungen von Barmherzigkeit gehört haben, die sich eigentlich doch selber schon rühmen, weil sie uns berühren, angehen, anstiften, Gleiches zu tun. Was kann ich darüber hinaus überhaupt noch sagen?
Wer das Christentum kennt, kennt gewiß auch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, und den Christen selbst sollte es besonders gut vertraut sein. Auf die Frage eines Schriftgelehrten "Wer ist denn mein Nächster?" antwortet Jesus mit seiner Gleichnisgeschichte: Ein Mann war unter die Räuber gefallen, die ihn halb totgeschlagen liegen ließen. Ein Priester und ein Levit aber gingen vorüber und kümmerten sich nicht um ihn. Erst und ausgerechnet ein Samariter nahm sich seiner an, wie es in Luthers Übersetzung heißt: "… und da er ihn sah, jammerte ihn sein". Und Jesus fragt am Schluß der Geschichte, wer denn nun "der Nächste gewesen sei dem, der unter die Räuber gefallen war?" Und die Antwort lautet: "Der die Barmherzigkeit an ihm tat." Die Antwort scheint selbstverständlich, aber sie verändert die Perspektive, verändert die Fragerichtung: Die Frage "Wer ist mein Nächster?" wird zur Frage "Wem bin ich, wem soll ich, wem muß ich der Nächste sein?"

Das genau ist die Herausforderung, die Tugend, das Verhalten, welche das so unmodern erscheinende Wort "Barmherzigkeit" meint:
Sich provozieren, sich berühren, sich anrühren lassen von der Schwäche, der Hilflosigkeit, der Erbärmlichkeit eines anderen Menschen!
Ein Herz, den Blick, die Bereitschaft haben, sich des Elenden zu erbarmen und dadurch zu seinem Nächsten zu werden!
Die Fähigkeit zu spontanem Handeln, aus Gefühl und Anteilnahme helfende Tat werden zu lassen!
Nicht bloß sich selbst und die eigene gute Gesinnung meinen, sondern tatsächlich die Lage des Hilfebedürftigen zu verändern und verbessern suchen!
Zu solcherart Barmherzigkeit fordern alle großen Religionen auf - Judentum, Christentum, Islam. Die Geschichte der Christenheit kennt und preist viele Vorbilder der Barmherzigkeit und nannte und nennt sie Heilige, wie Elisabeth von Thüringen, an die wir uns in diesem Jahr besonders erinnern. Das christliche Mittelalter hatte gar ein Regelwerk formuliert, einen sozialen Tugendkatalog, nämlich die Sieben Werke der Barmherzigkeit:
- Hungrige speisen
- Durstige tränken
- Fremde beherbergen
- Nackte kleiden
- Kranke pflegen
- Gefangene besuchen
- Tote bestatten.

Ist das historisch erledigt - etwa durch die reformatorische Kritik an katholischer Werkgerechtigkeit? Was da in einer älteren Sprache formuliert ist, das sind aber doch Elemente, Verhaltensweisen einer Kultur der Barmherzigkeit, wie wir das heute nennen und fordern!
Ist das historisch erledigt - etwa durch die große zivilisatorische Errungenschaft des europäischen Sozialstaats? Und tatsächlich ist unser Sozialstaat, sind unsere sozialen Sicherungssysteme organisierte Solidarität und als solche kann man sie doch mit Fug und Recht auch als "strukturelle Barmherzigkeit" bezeichnen, gar als politische Form der Barmherzigkeit. Ist das zuviel der Ehre und des Lobes?

Wenn er funktioniert, wenn alles gut geht, dann ist der Sozialstaat Solidarität und Umverteilung zwischen Starken und Schwachen, Arbeithabenden und Arbeitslosen, Gesunden und Kranken, Jungen und Alten. Er macht den Schwachen und Bedürftigen aus einem Objekt gewiß notwendiger und löblicher Caritas zu einem Subjekt von Rechtsansprüchen, die ihre tiefste Begründung in der Menschenwürde finden. Genau das ist die eigentliche, die innere Leistung des Sozialstaats, die es in den dramatischen Veränderungen von Globalisierung, von sozialem und demografischem Wandel unbedingt zu erhalten gilt.

Loben wir also diejenigen, die strukturelle Barmherzigkeit politisch verteidigen wollen, indem sie den Sozialstaat zukunftsfähig machen, ihn gar globalisieren wollen und ihn nicht wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit opfern!

Von dem wunderbaren brasilianischen Bischof Dom Helder Camara stammt das bitter treffende Wort: "Wenn jemand an Arme Brot verteilt, dann gilt er als Heiliger. Sagt er, daß der Arme ein Recht auf Brot hat, dann gilt er als links und gefährlich."

Aber wir wissen doch, auch wenn es gut geht - und es geht ja nicht nur gut - auch wenn's gut ginge, reichte vergesellschaftete, verstaatlichte Barmherzigkeit nicht aus. Wir als konkrete Menschen bleiben aufgefordert zu individueller Barmherzigkeit! Die ist mehr als ein Verhalten nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit: "Wie du mir, so ich dir." Die ist mehr als ein Verhalten nach der goldenen Regel: "Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch" - so ist sie in der Bergpredigt Jesu formuliert.

Barmherzigkeit ist mehr! Sie ist eine Unbedingtheit und Unmittelbarkeit der Zuwendung zum Anderen; ist eine Großzügigkeit, die weder rechnet noch rechtet noch richtet; ist eine Option für die Schwachen, egal ob die Schwäche aus sozialem Schicksal oder eigenem Verhalten resultiert; ist der alltägliche, persönliche Einsatz gegen die Unbarmherzigkeit und Gnadenlosigkeit von Menschen und Verhältnissen; ist die immer neue Bereitschaft, zu verzeihen und Umkehr zu ermöglichen.

Sie ist die Übersetzung der Liebe Gottes in unser menschliches Verhalten. Die Sequenz in Bachs Weihnachtsoratorium, die mich am meisten berührt, sie lautet: "Herr, Dein Mitleid, Dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei."

Wir haben am heutigen Tag viele Beispiele und Erfahrungen von Barmherzigkeit gehört - in städtischen Problemvierteln und in Elendsquartieren, angesichts von Armut und Krankheit und Verzweiflung, gegenüber Arbeitslosen, Ausländern, von Abschiebung Bedrohten, Obdachlosen, gegenüber Opfern von Gewalt und Ausgrenzung und Ausbeutung.
Loben wir alle Menschen, die Barmherzigkeit praktizieren und leben - spontan und unmittelbar und unbedingt! Und loben wir auch diejenigen, die unbarmherzige Verhältnisse der Ausbeutung und Ausgrenzung, der Ungerechtigkeit und Unfreiheit verändern wollen!

"Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen" - das ist die Verheißung Jesu in der Bergpredigt.