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18. Januar 2007

Grußwort zur Aufstellung des Denkmals der „Grauen Busse“



Am 18. Januar 1940, heute vor 68 Jahren, fanden in Brandenburg erste Probetötungen von Patienten mit Behinderungen statt. Sechs Patienten wurden durch Injektionen getötet, zwanzig weitere beim Test der Vergasungsanlage. Die Mörder – es waren Ärzte – zeigten sich zufrieden mit dem Ergebnis. Bald darauf beförderten die ersten grauen Busse Patienten aus dem gesamten Deutschen Reich in die Brandenburger Vernichtungszentren Grafeneck und Hartheim, später auch nach Bernburg, Hadamar und Pirna-Sonnenstein.
Hier an der Tiergartenstraße 4 befand sich die Zentrale der Täter. Hier wurden die Euthanasie-Morde geplant und auf den Weg gebracht.
Über 70.000 Menschen fielen dem Massenmord zum Opfer, bis die »T4«-Aktion im Sommer 1941 ein offizielles Ende fand. Doch der Patientenmord ging ungebremst weiter – mit anderen, unauf¬fälligeren Methoden: durch Vernachlässigung der medizinischen Pflege, Hungerkost, überdosierte Medikamentengabe. In den deutsch besetzten Gebieten, vor allem im Osten, wurden Menschen mit Behinderungen nach wie vor regelrecht hingerichtet.
 
ich spreche hier nicht nur als Vizepräsident des Deutschen Bundestages, sondern auch als früherer Vorsitzender der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Sie werden sich an die damaligen Debatten erinnern – auch an die Debatte um die Widmung der Gedenkstätte. Doch bereits im Beschluss des Deutschen Bundestages zur Errichtung des Holocaust-Mahnmals vom 25. Juni 1999 hieß es: (ich zitiere) »Die Bundesrepublik Deutschland bleibt verpflichtet, der anderen Opfer des National¬sozialismus würdig zu gedenken«, und das heißt: alle Opfer in unser Gedenken, in unsere Würdigung einzubeziehen. Wir hierarchisieren nicht das erlittene Unrecht. Wir relativieren nicht den Terror der Naziherrschaft. Es gibt keine Mordopfer 1. und 2. Klasse.
Die Verbrechen an behinderten Menschen – sie führen uns an die Grenze des Begreifens, des Verstehens. Das „Denkmal der Grauen Busse“ hält unsere Erinnerungsarbeit, unser Gedenken in Bewegung. Es stiftet Unruhe, fernab aller Rituale. Es ist ein sichtbares, ein eindrucksvolles Zeichen gegen das Vergessen.
Dieses Denkmal als ein temporäres Denkmal markiert einen Zwischenschritt. Mittelfristig soll das Areal an der Philharmonie zu einem Dokumentations- und Gedenkort umgestaltet werden. Die Initiative dafür verdanken wir bürgerschaftlichem Engagement: Mein Dank gilt Frau Sigrid Falckenstein, die durch ihre Petition den Stein ins Rollen brachte. Mit viel Kraft, Einfallsreichtum und Beharrlichkeit hat Sie immer und immer wieder auf die Notwendigkeit einer würdigen Gedenkstätte für die Opfer der
 
»Euthanasie« verwiesen, Verbündete gesucht, Öffentlichkeit hergestellt.
Ich danke den Teilnehmern des Runden Tisches, einer Initiative von Vertretern der Stiftungen Topographie des Terrors und Denkmal für die ermordeten Juden Europas, des Paritätischen Wohlfahrtsver¬bands, des Berliner Senats, der Diakonie und weiterer Interessens¬gruppen, die sich dieser Idee angenommen haben und sich für ihre Umsetzung engagieren.
Nicht zuletzt gilt mein herzlicher Dank den beiden Künstlern des »Denkmals der grauen Busse«, Horst Hoheisel und Andreas Knitz. Mit ihrer Idee eines Denkmals in Bewegung ebnen sie den Weg für ein würdiges Gedenken über die Grenzen der bisher vorhandenen Erinnerungsstätten hinaus.
Ihnen allen danke ich für Ihre Anteilnahme und Ihr Interesse.