15. Dezember 2008

Vortrag auf der Festveranstaltung „60 Jahre Arbeit und Leben Niedersachsen“

„Weiterbildung als Zukunftsgestaltung – Überlegungen zum lebenslangen Lernen“ - Vortrag auf der Festveranstaltung „60 Jahre Arbeit und Leben Niedersachsen“ am 15. Dezember 2008 in Hannover:
 

Den Glückwünschen und all den freundlichen Worten des Ministers für Wissenschaft und Kultur, Lutz Stratmann, schließe ich mich gerne an. Die Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen e.V. hat gute Gründe, ihren 60. Geburtstag kräftig zu feiern: Nur drei Jahre nach Kriegsende gegründet, hat sie die Entwicklung der politischen Bildung nicht nur begleitet, sondern wesentlich mit gestaltet und mit geprägt. Als eine der ersten Gründungen in diesem Bildungsbereich spielte „Arbeit und Leben Niedersachsen“ eine Vorreiterrolle bei der schrittweisen Befreiung der Deutschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Ich will an das historische Umfeld nur kurz erinnern: 1948 waren die Kriegs- und Diktaturfolgen noch unmittelbar zu spüren – nicht nur materiell, sondern auch moralisch, politisch, intellektuell. Zugleich verfestigten sich Schritt für Schritt die Anzeichen einer künftigen Teilung des Landes – mit jeweils unterschiedlichen Folgen für die Menschen in Ost und West. Im März 1948 verabschiedete der amerikanische Kongress den Marshallplan. Im Juni wurde in der Westzone die Währungsreform durchgeführt. Wenig später verhängte die Sowjetunion eine totale Blockade über West-Berlin, die Luftbrücke wurde eingerichtet. Im September nahm der Parlamentarische Rat seine Arbeit auf.

In Deutschland stand in jenen Jahren der Aufbau einer freiheitlichen und demokratischen Ordnung auf der Agenda und der Bedarf an politischer Urteilsfähigkeit, an demokratischer Entscheidungsbereitschaft, an der Beteiligung möglichst vieler Menschen an den Belangen des Gemeinwesens – letztlich an demokratischer Stabilität – wuchs und wuchs. Institutionalisierte politische Bildung sollte dieses Fundament bauen.

Von heute aus gesehen erscheint es als folgerichtig, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Volkshochschulen ihre Kompetenzen bündelten und erste gemeinsame Landesarbeitsgemeinschaften gründeten: Zunächst in Niedersachsen, dann auch in anderen Ländern. Erklärtes Ziel der niedersächsischen Vereinigung war es, mit einer „gegenwartsnahen Arbeiterbildung“ ohne Bindung an Konfessionen und Parteien demokratisches Verhalten zu fördern. Die politische Bildungsarbeit sollte bei den Schülern das Gefühl „mitbürgerlicher (sozialer) Verantwortlichkeit“ wecken. Sie sollte den Arbeitern einen Zugang zur ‚bildungsbürgerlich’ orientierten Volkshochschule eröffnen und endlich „die an politisch-kulturelle Lagermentalitäten anknüpfende Funktionärsbildung“ überwinden.

Heute, sechzig Jahre später, würden wir dies sicher anders formulieren, aber die dahintersteckende Zielbeschreibung hat ja ihre Berechtigung, ihre Aktualität nicht verloren: Politische Bildungsarbeit ist und bleibt notwendig, weil die Demokratie kein Selbstläufer, kein Garantieschein, keine „Glücksversicherung“ ist.

Gleichheit von Ungleichheit, Recht von Unrecht unterscheiden zu können, setzt einen Lernprozess voraus. Die Demokratie und die rechtsstaatlichen Prinzipien als kostbares Angebot für Freiheit, Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu erkennen – das bedarf der Mitwirkung, des Ausprobierens, der echten Teilhabe an politischen Gestaltungsaufgaben. Wie keine andere Herrschaftsform ist sie auf die Lernbereitschaft und das Engagement möglichst vieler Bürgerinnen und Bürger angewiesen.

Die Demokratie ist eine große Einladung an Beteiligung und sie ist eben mehr als ein Regelwerk und ein Institutionengefüge. Sie lebt, altdeutsch gesagt, von Tugenden wie Solidaritätsbereitschaft und Gemeinwohlorientierung. („Demokratie braucht Tugenden. Gemeinsames Wort des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz zur Zukunft unseres demokratischen Gemeinwesens“, in epd Dokumentation 51/2006.)

Die politische Bildung – ob für junge Menschen, ob für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, ob für Senioren – fördert und unterstützt dieses Engagement. Sie begründet argumentativ die demokratischen Werte, informiert über die Funktionsweise der Demokratie und vermittelt Beurteilungs- und Handlungskompetenzen.

Ich bin überzeugt davon, dass der Bedarf an Demokratieerziehung, an Wertevermittlung, an Orientierung in Zeiten der Globalisierung, der Unübersichtlichkeit und des Politikverdrusses noch erheblich ansteigen wird. Das bedeutet für die Träger der politischen, der berufsbegleitenden, der kulturellen und interkulturellen Bildungsarbeit noch mehr als bisher ihre Kräfte zu bündeln, neue Partnerschaften zu suchen – auch und gerade in der Wirtschaft, in den Medien, in den Schulen, in den Interessenvertretungen der Migranten.

Das bedeutet aber auch und vor allem, dass die Bildungs- und Weiterbildungsangebote für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, für Jugendliche und Auszubildende an deren Bedürfnissen ausgerichtet sind – gerade in Zeiten, in denen nicht nur die Berufswelt rapiden Veränderungsprozessen unterworfen ist. Was nützen die besten Angebote, wenn sie die jeweilige Zielgruppe nicht erreichen?

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

unsere Gesellschaft vollzieht folgenreiche Wandlungsprozesse

  • aufgrund der „Globalisierung“ (also der Beschleunigung und Entgrenzung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung, der ökonomischen Prozesse, der globalen Arbeitsteilung; Mobililität und Flexibilität werden zu selbstverständlichen Voraussetzungen von Beschäftigungsfähigkeit);
  • aufgrund demographischer Veränderungen. Wir werden weniger – als Konsequenz des Geburtenrückgangs. Gleichzeitig werden wir älter und bleiben länger leistungsfähig, dank der Fortschritte im Gesundheitswesen;
  • aufgrund der Zuwanderung; die kulturelle Verschiedenheit nimmt zu, was nicht zu beklagen ist, ganz im Gegenteil.

Diese und weitere Veränderungsprozesse haben natürlich Folgen für das gesamte Bildungssystem in Deutschland, einschließlich der beruflichen Aus-und Weiterbildung.

Die heftig geführten Bildungsdebatten der letzten Jahre (ich nenne nur wenige Stichworte: PISA, Zentralabitur, Hochschulzugang, Lehrstellensituation, „Exzellenz“-Wettbewerb) kommen ja nicht von ungefähr. In ihnen spiegelt sich immer auch die inzwischen verbreitete Einsicht, dass unsere Fähigkeiten, unser Wissen, unsere Kreativität die bedeutsamste Ressource sind, die wir in Deutschland haben. Anders gesagt: Der globale Wettbewerb ist auch und in besonderer Weise ein Wettbewerb um das beste Bildungssystem, um die innovativsten Formen der Aus-, Fort- und Weiterbildung.

Dass sich der Verbund Arbeit und Leben in diese Debatte, in diesen Wettbewerb einbringt, kann ich nur begrüßen. Weiterbildungsträger bleiben von den arbeitsmarkt- und bildungspolitischen Entwicklungen in unserer Gesellschaft schließlich nicht unberührt. Sie sind ja selbst immer auch lernende Institutionen (jedenfalls sollten sie es sein). Sie müssen die Veränderungen in der Arbeitswelt, in den verschiedenen gesellschaftlichen Milieus beobachten und auf diese reagieren – mit eigenen Vorschlägen, mit veränderten Angeboten, mit attraktiven Programmen.
Mit der rasanten Entwicklung in Wissenschaft und Technik vermehrt sich unser Wissen in immer kürzeren Zeiträumen, verändern sich die Anforderungen an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die meisten Berufsbilder sind einem stetigen, zum Teil heftigen Wandel unterworfen, manche Berufe verschwinden ganz, neue entstehen. Jeder von Ihnen könnte Beispiele aufzählen.

Aus dieser neuen Erfahrung, dass unsere Kenntnisse, unser Wissen heftigen Verfallsprozessen ausgesetzt ist, folgt eines doch ganz offensichtlich: die Aufgabe, das Lernen selbst zu lernen, sich Lerntechniken anzueignen, die helfen, das eigene Wissen, die eigenen Fähigkeiten immer wieder neu dem Stand der Dinge anzupassen, sie bei Bedarf aufzufrischen, zu erweitern, zu aktualisieren. Und dieses „Lernen lernen“ muss möglichst früh beginnen, schon in der Schule. Faktenwissen allein trägt keine Erwerbsbiographie mehr! Diese Einsicht muss Konsequenzen haben – für den Umbau der Lehrpläne in den Schulen und für die Begründung einer Lernkultur, die nicht nur auf die Einsicht des Einzelnen setzt, sondern flankiert wird durch verschiedene Fördermaßnahmen der Betriebe und Unternehmen, der verschiedenen Interessenverbände und natürlich auch des Staates.

„Lernen“ also – das ist die Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts, eine Lebensaufgabe für jeden einzelnen, auch älteren Menschen und nicht mehr nur Aufgabe der jungen Leute (wie es früher selbstverständlich war). Schule, Berufsausbildung, Studium – sie eröffnen einen Bildungsweg, eine Erwerbsbiographie, sie garantieren aber keineswegs mehr lebenslang beruflichen Erfolg. Dafür bedarf es vielmehr der Bereitschaft, sich immer wieder auf Neues, Unbekanntes einzulassen, um intellektuell Schritt zu halten und sich in der immer komplexer werdenden Welt orientieren zu können.
Arbeitnehmer, die sich kontinuierlich weiterbilden, verbessern nicht nur die eigenen Fertigkeiten und Kenntnisse, sondern sichern auch ihre Beschäftigungsfähigkeit über den Tag hinaus und steigern ihre Aufstiegs- und Einkommenschancen. Und je höher die Bildungs¬und Beschäftigungschancen sind, umso solider ist dann auch die Alterssicherung. Diese Korrelation sollte niemand unterschätzen.

Lebenslanges (oder wie Oskar Negt sagen würde: lebensbegleitendes) Lernen ermöglicht also die Teilhabe des einzelnen an der gesellschaftlichen Entwicklung und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es eröffnet Wege, um der Falle von Bildungsarmut und sozialer Armut zu entkommen. Aber das ist nur ein Aspekt, es gibt weitere, die durchaus folgenreich sind: Niemand würde doch bestreiten wollen, dass es gerade für die Entwicklung von Kindern unerhört wichtig ist, am Vorbild der Eltern die Bedeutung von Bildungserfolgen kennen und schätzen zu lernen.

Dass mit maßgeschneiderten Qualifizierungsangeboten flexibel auf veränderte Anforderungen von Markt, Betrieb und Technik reagiert werden muss, hat sich auch in der Wirtschaft herumgesprochen. Viele Unternehmer wissen inzwischen: Bildung bringt die meisten Zinsen. Für die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft der deutschen Wirtschaft wird künftig viel davon abhängen, ob es gelingt, die Qualifikation der Fachkräfte in unserem Land an die stetig wachsenden Anforderungen anzupassen. Schon heute gibt es in einigen Branchen einen Mangel an Fachkräften, der sich infolge des demographischen Wandels weiter verschärfen und immer mehr Branchen betreffen wird. Umso vernünftiger ist es auch vor diesem Hintergrund, die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen bis ins Alter zu erhalten.
Einsichten in diese Zusammenhänge und Berichte darüber gibt es reichlich. Umso erstaunlicher ist es, dass dennoch seit einigen Jahren die Beteiligung an Weiterbildungsmaßnahmen stagniert – sowohl bei der beruflichen Weiterbildung wie bei der allgemeinen (die ja die kulturelle und politische Weiterbildung mit einbezieht).

Die Beteiligungszahlen an Weiterbildungsmaßnahmen werden alle drei Jahre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erfasst. Die Veränderungen im 30-Jahre-Vergleich sind erstaunlich. Seit Ende der 70er Jahre ist die berufsbezogene Weiterbildung (in Form von Lehrgängen und Kursen) zunächst stark angestiegen: von 10 % im Jahre 1979 auf 21 % im Jahre 1991, dann auf 30 % im Jahre 1997. Bis 1997 also ein stetiger Anstieg. Dann erfolgte eine Trendumkehr. Erst fielen die Beteiligungszahlen, jetzt stagnieren sie. In den Jahren 2003 und 2007 betrug die Teilnahmequote jeweils nur niedrige 26 %. Und wer die Zahlen genauer analysiert, stellt fest, dass sich ausgerechnet sozial und beruflich benachteiligte Bevölkerungsgruppen sowie ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unterdurchschnittlich oft weiterbilden! Dass dies jeweils verheerende Folge für die individuelle Zukunftsgestaltung hat, liegt auf der Hand.

Den politischen Parteien in unserem Land sind diese Probleme und Gefährdungen sehr bewusst. Bildungspolitik in all ihren Facetten – von der frühkindlichen Bildung bis zur berufsbegleitenden Qualifizierung und dem lebenslangen Lernen – zählt heute zu den vordringlichsten Gestaltungsfeldern aller demokratischen Parteien. Das Bildungsthema gilt den Parteien als Zukunftsthema schlechthin. Bildung sei „grundlegende Voraussetzung für ein tolerantes und demokratisches Miteinander in unserer Gesellschaft“, sagt beispielsweise die SPD, und plädiert für einen Ausbau der Weiterbildung und für eine systematische Erhöhung der Beteiligung gerade von Geringqualifizierten an Weiterbildungsmaßnahmen.
Auf Initiative der Regierungskoalition beschloss der Deutsche Bundestag im März 2008, die „Rahmenbedingungen für lebenslanges Lernen zu verbessern, Weiterbildung und Qualifizierung auszubauen und zu stärken“.

Festgeschrieben wurden konkrete Maßnahmen gegen den drohenden Fachkräftemangel, zur Verbesserung der Ausbildungsreife von Schülerinnen und Schülern, zur Reduzierung der Abbrecherquote in Schule und Ausbildung.
Das Parlament hat die Bundesregierung verpflichtet, die Weiterbildung als tragenden Teil des Bildungssystems zu etablieren und zu prüfen, ob sie mit bundeseinheitlichen Rahmenbedingungen systematischer gefördert werden kann. Die Gesetzgebungskompetenz über die Bildungsurlaubsgesetze verbleibt bei den Ländern.

Gefordert wird die Setzung eines nationalen Weiterbildungszieles, nach dem bis 2015 eine Beteiligung der Erwerbstätigen an der beruflichen Weiterbildung (Kurse, Seminare) auf 50 % steigt (jetzt sind es 26 %!). Insbesondere die Geringqualifizierten sollen hier erreicht und beteiligt werden. Darauf müssen sich dann auch die Weiterbildungsträger einstellen, „Arbeit und Leben“ ist in dieser Frage ja schon lange am Ball.

Der Bundestag fordert zudem, den Ländern, Sozialpartnern und verantwortlichen Akteuren eine neue Weiterbildungsallianz anzubieten, um durch gemeinsame Strategien und regionale sowie lokale Vernetzung eine stärkere Förderung der Weiterbildung zu bewirken. Zudem soll eine bundesweite Weiterbildungskampagne gestartet werden, um den Menschen die wachsende Bedeutung des lebenslangen Lernens bewusster zu machen.

Ein weiterer Punkt ist die Stärkung der Weiterbildungsforschung. Erreicht werden soll, dass in einem der nächsten Nationalen Bildungsberichte das lebenslange Lernen und die Förderung der Weiterbildung einen Schwerpunkt bilden.
Es gibt ein ganzes Bündel weiterer Maßnahmen – bis hin zur Optimierung der Alphabetisierungsarbeit sowie zu verbesserten Möglichkeiten für jene, die nachträglich einen Berufsabschluss erwerben wollen. Nachhaltig verbessert werden soll auch die Durchlässigkeit im Bildungswesen, insbesondere zwischen der beruflichen Bildung und dem Hochschulbereich. Die Länder werden aufgefordert, den Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte deutlich zu erleichtern.
Natürlich kosten diese Maßnahmen auch Geld. Die Bundesregierung wurde aufgefordert, das europäische „Programm für Lebenslanges Lernen“, das die verschiedenen Bildungs- und Berufsbildungsinitiativen der Europäischen Kommission unter einem Dach vereint und für das bis 2013 Haushaltsmittel von fast 7 Mrd. Euro zur Verfügung stehen, in der Bevölkerung bekannt zu machen und auf die Ausschöpfung der sich bietenden Möglichkeiten hinzuwirken.

Sie sehen, auch die Politik macht ihre Hausaufgaben, wohl wissend, dass unser Bildungssystem noch weit davon entfernt ist, wirkliche Teilhabegerechtigkeit zu gewährleisten. Nach wie vor bestimmt die soziale Herkunft in viel zu hohem Maße über die Bildungsbeteiligung und den Bildungserfolg; das müssen wir ändern!

Der SPD-Parteivorstand hat sich in seinem jüngsten bildungspolitischen Beschluss vom 1. September 2008 ganz deutlich dafür ausgesprochen, Geringqualifizierten deutlich bessere Teilhabemöglichkeiten als bisher zu eröffnen und bundeseinheitliche Regelungen auf den Weg bringen.

Wir wollen ein Erwachsenenbildungsförderungsgesetz (ein unschöner Begriff, keine Frage) einführen und die Rechte und Pflichten der Bürgerinnen und Bürger und der Unternehmen sowie die Leistungen des Staates zusammenführen. Die rechtliche Zersplitterung der Weiterbildung soll damit überwunden werden.

Wir wollen eine, wie wir es nennen, Kultur der „Zweiten Chance“ voranbringen. Jeder Schulabgänger und jede Schulabgängerin ohne Abschluss soll das Recht erhalten, einen grundlegenden Schulab¬schluss – gefördert durch die Bundesagentur für Arbeit – nachzuholen. Darüber hinaus sollen die Möglichkeiten für einen nachholenden Berufsabschluss verbessert werden: Jeder oder jede soll die zweite oder dritte Bildungschance ohne Hindernisse nutzen können.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
mir ist schon bewusst, dass ich jetzt vieles über die berufliche Bildung und Weiterbildung und über die politische Bildung gesagt habe, aber viel zu wenig über die kulturelle Bildung und Weiterbildung, die mir besonders am Herzen liegt (nicht nur als Mitglied des Kulturausschusses im Deutschen Bundestag).

Ich will diesen Punkt jetzt nicht vertiefen, sondern nur auf einen mir wichtigen Zusammenhang aufmerksam machen: Jeder Lernprozess ist immer auch (hoffentlich!) kulturell geprägt, wie sollte es auch anders sein. Die Kultur ist in besonderer Weise der Ort der Werte-und Zielverständigung der Gesellschaft wie der Ort der Reflexion und freien Kreativität des Einzelnen. Die Kultur schafft Erfahrungsräume, in denen die Menschen jenseits ihrer Marktrollen – nämlich Produzent und Konsument zu sein – agieren und sich wahrnehmen können. In der Kultur, in diesem Raum, wird über Herkunft und Zukunft, über das Bedrängende und das Mögliche, über Sinn und Zweck, über das Eigene und Fremde reflektiert, kommuniziert, gespielt, gehandelt. Die Kultur ist der Raum des Emotionalen, des Sinnlichen, des Symbolischen, in dem in freierer Weise das Eigene, die eigene Identität ausgebildet und erfahren werden kann und zugleich das Fremde, das Andere akzeptiert, anerkannt, integriert werden kann.

Auch dies sollte uns bewusst sein, wenn wir uns über neue Formen, Bedingungen und Ziele des lebensbegleitenden Lernens verständigen. Wir sollten diesen ganzheitlichen Ansatz stets im Blick behalten: Der Mensch ist mehr als nur Produzent und Konsument, er ist mehr als nur ein Arbeitnehmer, der sich „fit“ macht für die immer neuen Herausforderungen des „Jobs“ – komme, was da wolle.

Dahinter steckt die Frage, in welcher Form unsere Gesellschaft auf Leistung, auf Leistungsbereitschaft setzt. Wollen wir eine Gesellschaft mit Ellenbogenmentalität, in der sich der Stärkere durchsetzt? Oder wollen wir eine Gesellschaft, die auf sozialen Ausgleich setzt, auf Chancengerechtigkeit, auf Solidarität mit jenen, die nicht selbst oder nur bedingt für sich sorgen können? Das ist die Frage, bei der jeder einzelne bildungspolitisch und gesellschaftspolitisch Farbe bekennen muss. Bildung ist eben nicht nur Vorbereitung auf den (Arbeits-) Markt; sie muss weit über den Markt hinausweisen, sie meint die Person und die Gesellschaft (die eben mehr ist als nur eine Marktgesellschaft).

Arbeit und Leben Niedersachsen“ bringt diese Zukunftsfragen zur Sprache und dafür bin ich dankbar. Mit Ihrem umfassenden Bildungsangebot geben Sie Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit, sich mit zentralen Themen unseres gesellschaftlichen Lebens zu beschäftigen, eigene, kritische Fragen zu stellen und diese untereinander oder mit Experten zu diskutieren. Die Stärkung des eigenen Urteilsvermögens, die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und Forderungen zu formulieren, gehören zu einer lebendigen und starken Demokratie. Ich wünsche allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weiterhin Kraft und Freude für ihre wichtige Arbeit.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!