27. April 2009

Eröffnung der Ausstellung „Im Objektiv des Feindes"

Begrüßungsworte zur Eröffnung der Ausstellung „Im Objektiv des Feindes. Die deutschen Bildberichterstatter im besetzten Warschau 1939-1945“ am 27. April 2009 im Willy-Brandt-Haus in Berlin:


Sehr geehrter Herr Senatspräsident, lieber Herr Borusewicz, verehrter Herr Botschafter,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freunde, verehrte Gäste,
 
ich begrüße Sie herzlich im Willy-Brandt-Haus, dem Sitz des Bundesvorstandes der SPD.

Das Willy-Brandt-Haus ist (angesichts der Verdienste seines Namensgebers um die Aussöhnung zwischen unseren Völkern) ein würdiger Ort, um diese Ausstellung zu zeigen. Sie war im Herbst letzten Jahres in Warschau zu sehen; heute wird sie erstmals einem deutschen Publikum präsentiert.

Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem dunkelsten Kapitel der jahrhundertealten deutsch-polnischen Nachbarschaft – mit den Verbrechen der Nazi-Truppen, die vor 70 Jahren Polen überfallen und das Nachbarvolk unterdrückt, gedemütigt, entrechtet haben.

Zu sehen sind Fotografien, die von den Propagandakompanien der Wehrmacht und der SS gefertigt wurden. In ihnen spiegelt sich die Sichtweise der Besatzer: Diese Bilder dienten dem Reichsministeri¬um für Volksaufklärung als Propagandainstrument: Sie sollten die vermeintliche Überlegenheit der Deutschen und ihre Erfolge bei der Umsetzung der Kriegsziele des Dritten Reichs dokumentieren.

Ein Großteil dieser Bilder ist erstmals öffentlich zu sehen. Es sind aufschlussreiche, bewegende Zeugnisse aus dem Alltagsleben des besetzten Warschaus. Sie belegen die „Germanisierung“ dieser einst modernen, eleganten Hauptstadt durch deutsche Behörden. Sie dokumentieren die Alltagsschikanen gegen die Zivilbevölkerung, die Übergriffe, den Terror gegen Frauen und Kinder, gegen Alte und Kranke, gegen Juden.

Die Bilder berichten von den Verbrechen der Nationalsozialisten im Warschauer Ghetto, in dem 460.000 Juden zusammengepfercht wurden. Nach Niederschlagung des Ghetto-Aufstandes im April 1943 wurden seine Bewohner deportiert und ermordet, die Bausub¬stanz wurde vollständig zerstört.

Die Fotos bezeugen auch den Opfermut und den Stolz der Männer und Frauen der polnischen Heimatarmee im August und September 1944. 63 Tage lang haben die Bürgerinnen und Bürger Warschaus den deutschen Besatzern entschieden Widerstand geleistet und für die Freiheit und Würde Polens gekämpft.

Nach dem Scheitern des Warschauer Aufstandes legten die Nazi-Truppen die Stadt in Schutt und Asche. Die Propagandabilder lassen ahnen, mit welcher Gründlichkeit und Gnadenlosigkeit das Zerstörungswerk ausgeführt wurde. Kein Stein blieb auf dem anderen.

Geschichte, das ist leider so, kann niemand ungeschehen machen. Aber aus Geschichte erwächst Verantwortung! In einem freien Europa, dem unsere Länder als gleichberechtigte Partner ange¬hören, darf Geschichte nicht fehl gedeutet oder umgeschrieben werden. Wir wissen sehr genau, wer den Krieg angefangen hat, und wir vergessen nicht, wer die Täter und wer die Opfer waren. Aus Erinnerung an das Leid der Opfer, so hat Donald Tusk gemahnt, dürfe nicht neue Spaltung erwachsen. Und er hat Recht: Es bedarf eines guten Gedächtnisses, um unsere Gegenwart und Zukunft gemeinsam zu gestalten, gemeinsam und vertrauensvoll zu sichern.

Ausstellungen wie diese knüpfen ein Netzwerk der Erinnerung über die Grenzen hinweg. Sie erinnern in aussagekräftigen Bildern an das individuelle Leid und informieren in Texttafeln und Begleitbänden über die Ursachen des Unrechts, über die Folgen des Rassenwahns, der Zerstörung und des Verzichts auf Humanität.

Viele der hier gezeigten Bilder sind nur schwer erträglich: Sie irritieren, sie wühlen auf, sie machen wütend. Aber es ist wichtig, historische Erfahrungen wie diese aktiv zu vermitteln, gerade auch an jüngere Generationen. Diese Aufmerksamkeit schulden wir den Helden und Opfern des Ghetto-Aufstandes (1943), den Opfern des Warschauer Aufstandes (1944) und allen Polen, die die schlimmen Folgen der deutschen Besatzung zu tragen hatten.
Ich danke allen, die diese Dokumentation ermöglicht und erarbeitet haben.

Dazu zählen die Initiatoren des Projektes, Prof. Dr. Vanja vom Museum Europäischer Kulturen in Berlin und Hanns-Peter Frentz vom Bild-Archiv Preußischer Kulturbesitz. Besonderer Dank gilt den Kuratoren, Herrn Prof. Krol und Frau Danuta Jackiewicz für die Auswahl und Kommentierung der Fotos.

Zu danken ist der Stadt Warschau und den beteiligten Institutionen in Polen, ich nenne nur Herrn Jakubowski und Frau Gorska vom Haus der Begegnungen mit der Geschichte. Ich danke Prof. Weber und Herrn Dr. Sander vom Bundesarchiv in Koblenz, und nicht zuletzt danke ich Gisela Kayser vom Freundeskreis Willy-Brandt-Haus.