2. August 2009

Eröffnung der Ausstellung „Heimatkunde“ von Manfred Butzmann

Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Heimatkunde“ (Abreibungen, Aquarelle, Grafik, Plakate) von Manfred Butzmann am 2. August 2009 im Kurt-Mühlenhaupt-Museum Bergsdorf:

Lieber Manfred Butzmann liebe Gäste,
liebe Freunde,

würde es diesen prägnanten, geradezu programmatischen Begriff, der unserer Ausstellung hier als Motto und Thema dient, nicht längst schon geben, spätestens Manfred Butzmann hätte ihn erfunden: Heimatkunde.
Dieser Begriff kennzeichnet seine Denk- und Arbeitsweise seit Jahrzehnten: Butzmann ist ein Heimatkundler, ein Entdecker aus Leidenschaft und Überzeugung. Er misstraut dem ersten Eindruck, dem Äußeren, dem Anschein. Er schaut hinter die Fassaden.

Seine „Heimatkunde“, seine künstlerische Spurensuche vor Ort nimmt vieles in den Blick: die natürlichen und die bebauten Landschaften in Brandenburg und in Pankow, die Menschen, die dort leben, die historischen Gravuren im öffentlichen und halböffent¬lichen Raum, die verschütteten Geschichten. Es ist das Übersehene, Verdrängte, Geschmähte, das Widersprüchliche, das nicht Gewollte, das er ins Licht rückt, in unser Bewusstsein hebt – mit seinen Plakaten, Aquarellen, Grafiken.

Erstaunlich sind nicht nur die Ergebnisse seiner künstlerischen Arbeit, sondern oft auch die Methoden: Mit großformatigen Abrei¬bungen von Grabsteinen, Bodenplatten, Mauern, bauplastischen Elementen bringt er sogar Steine zum Sprechen! Und wer kann das schon von sich behaupten! Der Künstler Butzmann macht vergessene Episoden der Zeit- und Kulturgeschichte anschaulich. Und das ist Heimatkunde im besten Sinne des Wortes, das ist Kunst, die bildet.

Allzu tiefe Gräben zwischen Kunst und Leben, zwischen ästhe¬tischer Sublimierung und den Mühen des Alltags gibt es für Butzmann nicht. Bei ihm geht all das zusammen. In seinem Ver¬ständnis ist Kunst eben immer auch Lebenskunst, Orientierungs¬hilfe, Aufklärung, kritischer Stachel, Denkzettel.
Schon lange bevor die Mauer fiel, zählte Manfred Butzmann für mich zu den interessantesten, weil eigensinnigsten Köpfen der Ost-Berliner Kunstlandschaft. Er legte schon damals den Finger immer wieder neu in die Wunden. Seine Kunst war anstößig. Sie machte die Welt nicht schöner als sie war.

Ich erinnere mich an ein Offsetplakat aus den achtziger Jahren, das die Sprengung des Gasometers in Prenzlauer Berg und damit die Vernichtung signifikanter Stadtbilder dokumentierte (die Sprengung fand vor genau 25 Jahren statt, am 28.7.1984!). Das Plakat war ein Abschied im stummen Zorn und zugleich der (geglückte!) Versuch, Erinnerung zu bewahren. Die Titelzeile des Plakates hieß: Heimatkunde.

Butzmanns Grafiken, Plakate und Aktionen zielten auf einen Zuge¬winn an kritischer Öffentlichkeit. Sie beanspruchten Zuständigkeit für die Belange der Gesellschaft, für die widersprüchlichen Entwicklungen im Land. Sie prangerten ökologische Verwerfungen an. Sie kritisierten die vormilitärische Ausbildung an den Schulen.

Sie verteidigten das Recht auf Gedanken-, Meinungs- und Gestal¬tungsfreiheit – in der Kunst wie im Alltag.
Als Künstler, als Aktivist in der kirchlichen Friedensbewegung, als couragierter Bürger hat er zu DDR-Zeiten Prügel bezogen. Etliche seiner politischen Plakate, die sowieso nur in winzigen Auflagen gedruckt werden konnten, wurden verboten. Politischer Wider¬spruch, Kritik, Satire – Interventionen dieser Art riefen heftiges Misstrauen hervor.

Und der Hinweis auf die Prügel ist beileibe keine Metapher: Am schicksalhaften 8. Oktober 1989 geriet Manfred Butzmann in der Nähe der Gethsemanekirche in einen Polizeieinsatz. Er war auf der Suche nach seiner Tochter, 17 Jahre alt. Sein hilfloser Versuch, mit Worten zu deeskalieren, wurde mit Tritten und Schlägen beantwortet, mit Verhaftung und Abtransport, mit stundenlanger Demütigung in Rummelsburg.

Manfred Butzmann hat die in jenen Tagen empfundene Bestürzung, Wut, Ohnmacht zu Protokoll gegeben – um die „eigene Angst zu überwinden“. Er arbeitete mit im Untersuchungsausschuss, der die polizeilichen Übergriffe vom 8. und 9. Oktober 1989 dokumentierte und half anderen Opfern, Selbstbewusstsein zurück zu gewinnen.

Es braucht kaum betont zu werden, dass Manfred Butzmann nach 1989/90 an seinen Themen, an seiner Ästhetik festgehalten hat – und festhalten konnte. Seine Kunst brauchte keinen neuen Aufbruch oder Umbruch. Sie kündet auch heute nicht vom Paradies, sondern irritiert, provoziert, zwingt zu gedanklicher Anstrengung, schärft unser historisches Bewusstsein. Der früh trainierte sozialkritische Blick ist Signum der künstlerischen Arbeit Manfred Butzmanns geblieben.

Wer sich politisch engagiert, wer sich einmischt und anderen auf die Füße tritt, hat nicht nur Freunde – das ist so. Manfred Butzmann weiß Geschichten davon zu erzählen. Ich erinnere nur an eine aus jüngerer Zeit: An den Wirbel um ein Plakat zum vorletzten Bundestagswahlkampf, in welchem er die kokette Zahlenspielerei einer Oppositionspartei thematisierte und sich dabei auf den Verfassungsschutzbericht des Freistaats Sachsen berief. Auch dort stand zu lesen, dass die „18“ eben nicht nur eine beliebige, harm¬lose Zahl ist, sondern ein handfestes Symbol der rechten Szene. Ein Faktum, das besonders unter Jugendlichen zum Allgemeinwissen zählt.

Gleichwohl: Die Verbreitung dieses Plakats wurde Manfred Butzmann untersagt. Der Künstler hatte nicht nur ins Schwarze gezielt, sondern es offenbar auch getroffen, und zwar dort, wo es besonders schmerzte.

Das Credo der Arbeit Manfred Butzmanns lässt sich vielleicht auf folgenden Nenner bringen: Es ist eine Kunst, die dem Prinzip der Verantwortung verpflichtet ist. Butzmanns Kunst, sein Lebenswerk verstehe ich als Ermutigung, ja als Aufforderung zum Einmischen in die öffentlichen Angelegenheiten, die ja immer auch die eigenen Angelegenheiten sind.

Und politisch eingreifende Kunst, die sich nicht als Vehikel für politische Missionsarbeit versteht, ist ebenso vielstimmig und voller Überraschungen wie die Gesellschaft, auf die sie reagiert. Manfred Butzmann liefert dafür den besten Beweis. Unsere Gesellschaft wäre sehr viel ärmer, sehr viel einfältiger, ohne solche Künstler und Bürger, die ihr kräftig einheizen – aus Interesse an ihrem Erhalt und ihrer Vervollkommnung.

In diesem Sinne, lieber Manfred Butzmann, wünsche ich mir viele weitere künstlerische, politische, intellektuelle Interventionen aus Deiner Werkstatt. Und ich hoffe, dass viele Menschen, vor allem auch viele jüngere, diese Ausstellung sehen, sich von Deinen Ideen anstecken und inspirieren lassen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!