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18. Juni 2017

Dankesrede von Wolfgang Thierse

zur Verleihung des Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreises 2017 der Seliger-Gemeinde 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, 

zunächst und nicht nur selbstverständlich, sondern ganz herzlich will ich mich bedanken für die Ehre dieser Auszeichnung. Das ist mir ja nicht an der Wiege gesungen worden und sie ist auch nicht selbstverständlich für einen Politiker, der immer mal auch Streit mit dem Bund der Vertriebenen ausgefochten hat. Ich hoffe, Sie haben gemerkt, dass das solidarischer Streit war. Ich bedanke mich sehr für diese Auszeichnung und ich bedanke mich sehr, sehr, lieber Peter Becher, für die Laudatio.

 

Und ich will persönlich beginnen. Ein paar Punkte sind schon genannt worden: Der Namensgeber des Preises, Wenzel Jaksch, war mir zu seinen Lebzeiten, soweit ich mich erinnere, kein Begriff. Vertriebenenpolitiker hatten für mich, der selbst als Kind Vertriebener in der DDR lebte, damals kein allzu positives Image. Und zwar genau deshalb, weil ich das Vertriebenenschicksal kannte. In Breslau 1943 geboren, ist meine ganze Familie väterlicherseits wie mütterlicherseits, die alle in Schlesien lebten, vertrieben worden. Alle wurden Flüchtlinge oder Vertriebene, die meisten kamen im Westen an, nur ein kleiner Teil – eben meine Familie – landete in der späteren DDR. Das sind historisch biographische Zufälle.

 

Ich bin aufgewachsen mit der liebenden Erinnerung an die verlorene Heimat, mit der Trauer über ihren Verlust. In der DDR war solche Erinnerung striktestens Privatsache, auch die Wehmut und der Schmerz, die mit ihr verbunden waren -  sie durften öffentlich nicht sichtbar, nicht hörbar werden. Sie hatten keinen Ort außerhalb der Familien und eben der Kirchengemeinden. Denn die katholischen Gemeinden, zumal da, wo ich aufgewachsen bin, das waren alles Vertriebene aus Schlesien, aus dem Sudeten-, aus dem Ermland. Und da spielte das Thema eine Rolle bis hin zu den Kirchenliedern, die wir gesungen haben, schlesische zumal. Wir galten ja auch nicht als Flüchtlinge, nicht als Vertriebene, sondern wurden offiziell Umsiedler genannt, als hätten wir einen Umzug veranstaltet und wären selber umgesiedelt. Tabuisierungen aber, das weiß man, lassen Trauer und Schmerz nicht leichter verarbeiten und überwinden, im Gegenteil.

 

Ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass sie mir, dass sie uns Kindern ihre Erinnerung und Trauer ohne jedes Gefühl von Revanche und Rache, ohne Vorwurf und Anklage gegen Polen vermittelt haben aber durchaus das Bewusstsein deutscher Schuld am eigenen Schicksal. Meine Eltern wollten nicht, dass ihr und unser Heimatverlust, dass ihr Schmerz zur Relativierung der Naziverbrechen missbraucht werden könnten. Aber die Trauer war stark und die Einsicht in die Endgültigkeit des Heimatverlustes brauchte Zeit.

 

Diese Einsicht in die Endgültigkeit des Verlustes fiel mir, dem Angehörigen der Folgegeneration, natürlich leichter. Aber ich habe sie schon früh als eine Verpflichtung empfunden. Die Trauer, den Heimatverlust nicht zu vergessen und zu verdrängen, aber daraus versöhnendes Interesse an unseren östlichen Nachbarn, den Polen und Tschechen vor allem, zu entwickeln, das Interesse an Versöhnung mit ihnen.

 

Deshalb meine große, auch heftig emotionale Zustimmung zur neuen Ostpolitik, zur Entspannungspolitik Willy Brandts und Egon Bahrs.

Deshalb auch meine Ablehnung von Vertriebenenfunktionären und ihrer Versuche, genau diese Politik zu stören und zu verhindern.

 

Aber genau auch deshalb ist die Erinnerung an Wenzel Jaksch so wichtig. Also an einen Vertriebenenpolitiker, der mehr als das war, sondern der zu einem Wegbereiter der Ost- und Entspannungspolitik wurde, der früh schon an das dachte, was heute und selbstverständlich das Kernanliegen der Seliger-Gemeinde: an der Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen zu arbeiten.

 

Die Integration von 12 Mio. Flüchtlingen und Vertriebenen, sie gehört zur Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik. Diese Erfolgsgeschichte aber hat viel Kraft und Zeit verlangt, ein Prozess von 20 bis 30 Jahren. Von der „Kalten Heimat“ (so der sprechende Titel eines Buches über die Anfänge der Vertriebenen nach 1945: „Kalte Heimat“, das ist auch meine Erinnerung) von der „Kalten Heimat" bis zum Ja zur Entspannungspolitik.

 

Dieser Integrationsprozess hat sehr zum Reichtum, zum inneren Frieden und zur demokratischen Stabilität der alten Bundesrepublik beigetragen. Wir sollten uns heute ausdrücklich daran erinnern, auch wenn Geschichte sich nie wirklich wiederholt, wir sollten uns daran ausdrücklich erinnern angesichts der großen Herausforderung dieser Jahre, nämlich der Integration von hunderttausenden Flüchtlingen heute.

 

Es ist erwähnt worden, ich komme gerade von einer Tagung des politischen Clubs in Tübingen. Deren Thema war von mir gestellt „Was eigentlich heißt Integration?“. Eine sehr spannende und engagierte Debatte. Und einer der Experten, der Vorsitzende des Sachverständigenrates für Flüchtlinge und Migration, hat in seiner Rede – mit Statistiken belegt – gezeigt, dass 1970 das durchschnittliche Einkommen der Vertriebenen erkennbar niedriger war als das der anderen Deutschen. Und dass die Arbeitslosigkeit unter den Vertriebenen höher war als bei den anderen. Ein Befund - 25 Jahre nach dem Ende des Krieges - er zeigt die zeitlichen Dimensionen, in denen wir denken müssen, wenn wir diese Herausforderung - „Integration der Flüchtlinge“ - annehmen. Wir müssen sie jetzt annehmen und nicht wieder, wie ich das etwas böse nenne, der Lebenslüge anheimfallen (die ja lange gegolten hat), die Bundesrepublik Deutschland sei kein Einwanderungsland. Wir sind es und wir müssen lernen, eine Einwanderungsgesellschaft zu werden.

 

Zur Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik gehört wahrlich auch die Entspannungspolitik. Ihretwegen bin ich innerlich Sozialdemokrat geworden, lange bevor ich es sichtbar, nämlich erst 1990, werden konnte. Auch an diese Erfolgsgeschichte zu erinnern, halte ich heute für wichtig. Entspannungspolitik, das war ja die Absage und Überwindung von ideologischen Verfeindungen, von Konfrontation durch eine pragmatische Politik der kleinen Schritte, durch ‚Wandel durch Annäherung‘, durch das Konzept gemeinsamer Sicherheit.

Die Überwindung des Kalten Krieges, einer wahrlich gefährlichen -  sowohl politischen wie wirtschaftlichen wie ideologischen wie militärischen - Konfrontationssituation, durch eine solche Politik war die Voraussetzung für das Ende der deutschen Teilung und der Teilung Europas.

 

Die Mauer durch Deutschland und Europa ist nicht durch militärische Konfrontation gestürzt worden!

 

Daran zu erinnern, halte ich heute für wichtig angesichts einer amerikanischen Politik, die dabei ist, die Welt wieder als - wie wörtlich nachzulesen ist - Arena zu beschreiben. Eine Arena, als ein Raum der Interessendurchsetzung und der Machtauseinandersetzung. Nicht mehr als das, was wir einmal erreicht haben, die Welt als ein Raum von Verbindungen, von Gemeinsamkeiten, von Verträgen.

 

Der Forderung nach mehr Rüstungsausgaben, die wir jetzt vernehmen, nach Aufrüstung, dieser Forderung sollten wir eine Politik der Rüstungskontrolle und des nationalen Ausgleichs entgegensetzen. Ich fürchte, die mit Trump einsetzende Wendung amerikanischer Politik, sie könnte das Ende des Westens sein, der ja eben nicht nur ein Verteidigungsbündnis war, sondern ein Bündnis gemeinsamer Überzeugungen, getragen von der Grundüberzeugung der Herrschaft des Rechts und nicht des Stärkeren.

 

Zurück zur Geschichte. Die Vereinigung Deutschlands mit ausdrücklicher Zustimmung unserer östlichen Nachbarn war nun wirklich nicht selbstverständlich nach der bitteren Vorgeschichte in den acht Jahrzehnten davor. Die Vereinigung Deutschlands und die Vereinigung Europas ermöglichten und erfordern nun aber auch, wenn sie dauerhaft gelingen sollen, eine Vereinigung der verschiedenen Erinnerungen. Ermöglichen und erfordern die Arbeit an einem gemeinsamen Gedächtnis der Deutschen und der Europäer. Eine Aufgabe, die man nicht unterschätzen sollte. Ich meine damit ausdrücklich nicht Gleichmacherei oder Einebnung von verschiedenen Erinnerungen, aber es gilt nun nicht mehr nur das eine Narrativ, das westeuropäische Narrativ von der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dieses 20. Jahrhundert ist eben sowohl das Jahrhundert des Faschismus und des Holocaust als auch das Jahrhundert des Stalinismus und des Gulag.

 

Auf der Erinnerung an Letzteres bestehen gerade und zu Recht unsere östlichen Nachbarn. Ihre Erfahrungen als Unterdrückte, als Opfer des Sowjetsystems gehören genauso ins gemeinsame europäische Gedächtnis, also auch ins Haus der europäischen Geschichte in Brüssel, wie die Geschichte des Nationalsozialismus, seines verbrecherischen Krieges und des Zivilisationsbruchs Holocaust.

 

Und in dieses gemeinsame Gedächtnis gehört eben auch die Geschichte der Vertreibungen in Europa und in der Welt. Die Erinnerung an die Ursachen und Verursacher, an die Leiden der Vielen, an die Schmerzen der Verluste, an die Geschichten neuen Beginnens und an die Überwindung von Hass und Revanchegefühlen und vor allem an Versöhnungsgeschichten. Dies alles gehört auch ins gemeinsame europäische Gedächtnis. Denn: Bei der Gemeinschaftlichkeit des europäischen Gedächtnisses, wenn Sie so wollen der Vergemeinschaftung der europäischen Erinnerungen, soll und darf es nicht um Schuldzuweisungen, um Abrechnung oder gar Aufrechnung gehen. Vielmehr um das, was die Südafrikaner nach der Überwindung des Apartheidregimes ‚Healing of Memories‘ genannt haben, also Heilung der Erinnerungen oder Heilen durch Erinnern.

 

Genau das kann und soll der Sinn des ‚Sichtbaren Zeichens‘ sein, also der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und des Erinnerungshauses in Berlin. Deshalb habe ich mich so dafür eingesetzt, ja erst recht es erst ermöglicht, in der entschiedenen Absicht, dieses Anliegen nicht nur Angelegenheit einer Gruppe bleiben zu lassen, sondern es zur Sache unseres Gemeinwesens, unserer Gesellschaft insgesamt, repräsentiert eben durch das deutsche Parlament, zu machen. Und zwar auch im dauernden Gespräch mit unseren östlichen Nachbarn. Dass das nicht ohne Meinungsdifferenzen, ohne Streit gehen wird, war zu erwarten. Ich setze aber auf das Gelingen des Projekts. Und soweit ich sehe, ist man beim Gelingen unterwegs.

 

Ein ganz kleiner Nachtrag: Sie sollten nicht denken, dass ich nur auf die schmerzlichen Seiten unserer Geschichte fixiert bin. Ich war und bin, vielleicht ist das bis nach München gedrungen, ein entschiedener Befürworter eines Freiheits- und Einheitsdenkmals in Berlin. Ich habe mich sehr engagiert dafür eingesetzt und bin sehr froh, dass der Bundestag nun letztgültig die Verwirklichung dieses Denkmals entschieden hat. Und mein Motiv? Ich glaube, dass auch für die Deutschen gilt, was für alle anderen Völker gilt, dass wir Identität, Ermunterung nicht nur gewinnen können aus der Erinnerung an die katastrophalen, die entsetzlichen Seiten unserer Geschichte. Diese Erinnerung ist notwendig - ich war der Bauherr des Holocaust-Denkmals. Sondern dass auch wir das benötigen und gut gebrauchen können, was ich nenne „Die Erinnerung an Gelungenes“. Auch wir Deutschen haben eine Freiheits- und Demokratiegeschichte. Und das glücklichste Ereignis dieser Geschichte im 20. Jahrhundert ist die friedliche Revolution von 1989 und der Gewinn der deutschen und dann auch der europäischen Einheit.

 

Dies zu vergegenwärtigen im Zentrum der deutschen Hauptstadt, neben der Erinnerung an Holocaust und Krieg und Vertreibung, das ist wichtig, wichtig auch um des inneren Gleichgewichts unseres Gemeinwesens und um unserer Zukunft willen.

 

Beides also, die Erinnerung an die Katastrophen und die Verbrechen, an das Leiden, an die Schmerzen und die Erinnerung an Gelungenes, an die Aufbrüche, an Befreiung, beides tut uns Not und halte ich für angemessen.

 

Ich bedanke mich sehr herzlich für den Wenzel-Jaksch-Preis, liebe Seliger-Gemeinde! Ich werde Ihre/Eure Arbeit immer mit Sympathie begleiten. Und wo mal, wie soll ich das nennen, ein kräftiges Wort der Unterstützung notwendig ist, könnt Ihr mit mir rechnen.

 

Ich bedanke mich nochmals bei Peter Becher für diese zu Herzen gehende Laudatio und bedanke mich bei Ihnen, dass Sie hier mit dabei waren.

Herzlichen Dank.