29. Juni 2011

"Die meisten lehnen Schwanitz' Attacke ab" - Interview in der Thüringer Allgemeinen

 

Bundestagsvize Wolfgang Thierse verteidigt die geplante Papstrede im Bundestag gegen Kritik aus den SPD-Reihen

Mit Unverständnis hat Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) auf die Forderung einiger SPD-Abgeordneten reagiert, die Rede von Papst Benedikt XVI. im Bundestag zu boykottieren. Mit dem 68-jährigen Politiker, der Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ist, sprach Peter Rathay.

 

Der Bundestagsabgeordnete Rolf Schwanitz will die Papstrede boykottieren — hat Sie dieser Vorstoß überrascht?

Wir sollen die Äußerung eines Fraktionsmitglieds der SPD nicht überschätzen. Ich weiß, dass Rolf Schwanitz ein kämpferischer Atheist ist - und wir leben in einem freien Land. Angeblich gibt es bereits 146 Bundestagsabgeordnete, die das Vorhaben unterstützen. Das ist eine Falschmeldung. Herr Schwanitz hat einen Brief an die 146 SPD-Abgeordneten geschrieben. Bei den meisten Kollegen stößt seine Attacke aber auf Ablehnung.

Schwanitz begründet seinen Vorstoß mit der zwingenden weltanschaulichen Neutralität des Staates. Können Sie das Argument zumindestens nachvollziehen?

Überhaupt nicht. Die weltanschauliche Neutralität des Staates wird nicht beschädigt, wenn dieser Gast im deutschen Bundestag auf Einladung des Bundestagspräsidenten auftritt. Schon häufiger haben Päpste vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen gesprochen, auch vor vielen anderen Parlamenten. Und dort gab es nie Bedenken. Das ist eine besondere Angst von Rolf Schwanitz.

Weitere Vorwürfe sind, die Kirche habe durch ihre Missionierung eine Mitschuld an der Unterdrückung von Millionen Menschen?

Das sind absurde bis ins Lächerliche gehende Behauptungen, sofern sie die Gegenwart betreffen.

Am Ende sind alle Abgeordneten frei in ihren Entscheidungen...

Naturlich. In Deutschland gilt die Religions- und Meinungsfreiheit. Wir haben viele Menschen, die einer Kirche angehören und es gibt Menschen, die keiner Kirche angehören — alle haben das Recht, sich zu äußern. Einige mögen und respektieren den Papst, andere lehnen ihn ab und verachten ihn. Was erwarten Sie als Katholik von der Rede des Papstes? Ich hoffe sehr, dass er etwas sagt über die geistigen Grundlagen des Zusammenlebens in einer globalisierten Welt. Er ist Oberhaupt einer Weltkirche, die sozusagen selber eine globale Institution ist und die deshalb mit wichtigen Themen in besonderer Weise vertraut ist.

Glauben Sie, dass das Treffen des Papstes mit Spitzenvertretern der Evangelischen Kirche in Erfurt ein besonderes Zeichenist?

Er besucht das Land der Reformation und dass er da mit Vertretern der evangelischen Kirche zusammenkommt, ist ein begrüßenswerter und zugleich sehr normaler Vorgang.

Zeigt die interne Diskussion um den Boykott einmal mehr auf, in welchem unruhigen Fahrwasser sich die SPD und ihr Vorsitzender Sigmar Gabriel derzeit befinden?

Nein, überhaupt nicht. Sie zeigt nur, dass die SPD eine wirkliche Volkspartei ist, in der eben Menschen unterschiedlicher weltanschaulicher und religiöser Überzeugung zusammenarbeiten