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8. Dezember 2011

Thierse zum Tod Christa Wolfs in "Der Freitag"

Wolfgang Thierse zum Tod von Christs Wolf in "Der Freitag" vom 8. Dezember 2011.

Christa Wolf und ihre Bücher haben mich mein Leben lang begleitet. Ihre Erzählung Der geteilte Himmel las ich als Student, ebenso den Roman Nachdenken über Christa T., der mich mehr überzeugte. Die Absage an den verordneten Optimismus und die Melancholie des Buches - sie hatten etwas Befreiendes! Spätestens seit Christa T. wartete ich gespannt auf das jeweils nächste Christa-Wolf-Buch, denn sicher war, es würde Anstöße bieten für kritische Debatten. Und hatte die DDR-Zensur es gewagt, ganze Passagen zu streichen wie bei Kassandra, kursierten im Freundeskreis Abschriften aus West-Auflagen. Kindheitsmuster, Kein Ort. Nirgends, Kassandra, Störfall, Sommerstück - diese Texte wirkten horizonterweiternd. Christa Wolf verweigerte sich glaubhaft den einfachen Erklärungen. Ihre leise, beharrliche Wahrhaftigkeit war Einspruch und Widerspruch gegen ideologische Verkommenheit. Auch ihr 1995 publizierter Briefwechsel mit Franz Fühmann dokumentiert dies eindrucksvoll. Ihr letzter, großartiger Roman Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud ist ein Werk schmerzlicher Selbstbefragung, eine Inventur eigener Lebenserfahrungen in drei Systemen. Christa Wolf wird uns, wird mir fehlen als Autorin, als Gesprächspartnerin, als moralische Autorität.