4. April 2012

Leserbrief in der Süddeutschen Zeitung zur Debatte um "Kulturinfarkt"

Am Mittwoch, dem 4. April 2012, druckte die Süddeutsche Zeitung einen Leserbrief von Wolfgang Thierse, der eine Entgegnung auf einen Beitrag des SZ-Redakteurs Thomas Steinfeld in der SZ vom 28.3.2012 zur Debatte um den "Kulturinfarkt" ist.

 

Der Beitrag von Thomas Steinfeld (SZ vom 28.3.2012) endet mit der richtigen Schlussfolgerung, dass es gut ist, in der Kulturpolitik wieder über begründete Interessen und Inhalte zu reden. Wenn es in der aktuellen Debatte doch nur so wäre. Stattdessen überwiegen - auch in seinem Beitrag - Widersprüche und Beliebigkeit von Argumenten, statt vom „Kulturinfarkt“ könnte man vom „Argumentationsinfarkt“ reden. Versuchen wir das Argumentationsknäuel etwas zu entwirren:

1. Dass Kultur und kulturelle Bildung wichtig sind gegen soziale Exklusion, ist keineswegs „Unsinn“. Alle Integrationsdebatten der letzten Jahre laufen darauf hinaus, dass gesellschaftliche Spaltung, von der die Sozialforschung sagt, dass sie zunimmt, eben nicht nur mit der Verteilung von Vermögen und Arbeit, sondern ebenso mit der von Bildung und Kultur zu tun hat. Trotz der Ausweitung des öffentlichen Kulturangebots blieb es dabei, wer früher nicht ins klassische Konzert, in die Oper, ins Theater oder in Ausstellungen ging, der tut das jetzt meist auch nicht. Die soziale Selektivität von Kultur hat sich seit 30 Jahren kaum verringert. Auch Soziokultur, lange Museumsschlangen, junge Künstlerszenen änderten nichts daran, Untersuchungen ergeben 5-10% kulturelle „Vielnutzer“ und weitere 40-45%, die die Kulturinstitutionen gelegentlich in Anspruch nehmen. Die Spaltung zwischen Nutzern und Nichtnutzern kultureller Einrichtungen ist bei einem 50:50-Verhältnis wie versteinert. Es bleibt eine vordringliche politische Aufgabe, dem Ziel kultureller Teilhabegerechtigkeit durch verstärkte Anstrengungen in der kulturellen Bildung näher zu kommen.

2. Der Anspruch von Emanzipation, Partizipation, Kultur „von unten“ und multikultureller Offenheit bleibt richtig, muss aber in die neue Zeit übersetzt werden. Dass wir das Ziel „Kultur für alle“ nicht zynisch aufgeben sollten, dafür gibt es eine Fülle von Gründen. Es geht um Persönlichkeitsentwicklung, denn es sind ja die Künste, der Raum des Emotionalen, des Sinnlichen, des Symbolischen, in dem in freierer Weise das Eigene ausgebildet und erfahren, sowie zugleich das Fremde, das Andere akzeptiert, anerkannt, integriert werden kann. Es geht sowohl um den Erhalt kultureller Vielfalt, um kulturelle Traditionen, als auch um Avantgardekunst und Soziokultur, um alles das, was eher jenseits der Vermarktbarkeit und der industriellen bzw. medialen Massenkultur lebendig bleiben kann. Ohne kulturelle Bildung wird es keine neuen Künstlergenerationen, keine zukünftigen Kulturrezipienten und –konsumenten geben. Sie ist nicht zuletzt auch die Substanz, aus der die in letzter Zeit so vielbeschworene Kreativwirtschaft lebt. Sie eröffnet Zugänge, fördert soziale Kompetenz, Intelligenz und kritisches Denken, lehrt Verständnis, ist entscheidend für alles das, was man neuhochdeutsch „Empowerment“ nennt. Nicht zuletzt ist kulturelle Bildung eine Voraussetzung für Demokratie, für eine Gesellschaft, die zu Selbstreflexion, Toleranz und Anerkennung fähig ist. Zusammenhalt ist nicht zu haben ohne die Verständigung über gemeinsames kulturelles Wissen und die Bestände kulturellen Gedächtnisses.

3. Wieso „die Kritik der Kultur in der Kultur“ in einen Gegensatz zur sozialen Inklusion gesetzt wird, bleibt unverständlich. Natürlich ist, wenn wir von der Kultur als notwendigem Lebenselement von Gesellschaft sprechen, niemals nur die affirmative Kultur gemeint. Gerade wer wie wir auf eine 150jährige Geschichte von Systemkritik, Emanzipationsstreben und Sozialreform zurückblicken kann, muss und wird auf das Widerständige der Kultur setzen. Heute ist - vielleicht mehr denn je - das Gesellschaftskritische, das Provokative, Sperrige und Visionäre der Kunst lebenswichtig, um in einer Welt im Umbruch die eigentlichen Fragen zu stellen. Zudem erleben wir, dass politische Konflikte und gesellschaftliche Auseinandersetzungen immer mehr kulturelle Dimensionen besitzen.

4. Was für ein realitätsfernes Politikverständnis (fast ist man an Thomas Mann’s Betrachtungen eines Unpolitischen erinnert), dem es vor den „inneren Verteilungskämpfen“ der Kultur ekelt? Dabei ist staatliches Handeln immer vor allem Rechtssetzung und Umverteilung von Mitteln. Wo Kultur doch der wichtigste Ausdruck gesellschaftlichen Reichtums ist, muss Kulturpolitik, wie jede Politik, unentrinnbar durch Verteilungsfragen geprägt sein. Oder um das Hamburger Grundsatzprogramm der SPD zu zitieren: „Gerechtigkeit gründet in der gleichen Würde jedes Menschen. Sie bedeutet gleiche Freiheit und gleiche Lebenschancen, unabhängig von Herkunft oder Geschlecht. Also meint Gerechtigkeit gleiche Teilhabe an Bildung, Arbeit, sozialer Sicherheit, Kultur und Demokratie, gleichen Zugang zu allen öffentlichen Gütern.“ Wer dem Verteilungskampf entsagt, entscheidet sich immer für den schlechten Status Quo der Nichtfreiheit und Nichtgleichheit der Vielen.

Worauf es heute in der kulturpolitischen Debatte ankommt, ist nicht die schlichte Verteidigung des Status quo – die wäre lächerlich und vermutlich nicht eben erfolgreich. Kulturpolitik ist auch nicht einfach die „Auseinandersetzung um Anspruch und Neid“, sondern handlungsorientierte Kommunikation mit dem Ziel, wertbegründete Entscheidungen zu treffen. Dazu sind Maßstäbe und Leitideen zu formulieren, mit denen sich Zumutungen und Ansprüche von Seiten der Kultur glaubhaft begründen lassen. Wollen wir nicht einfach, dass sich nur durchsetzt, was der Markt, die Nachfrage, der wissenschaftlich-technische Fortschritt, die Konsumstrategen wirtschaftlich Mächtiger jeweils vorgeben, so müssen wir vor allem den Streit über diese Maßstäbe führen. Die Halbierung der subventionierten Kulturinstitutionen in Deutschland, also die Rasenmähermethode, ist dazu eben so wenig ein Beitrag, wie es die widerstandslose Unterwerfung von Kultur unter die Sparzwänge von Kommunen und Ländern wäre. Die Verteidigung und Förderung der Kultur ist im Übrigen nur zum Teil Aufgabe von Kulturpolitik im engeren Sinne, sie ist wesentlich eine Querschnittsaufgabe vieler Politikbereiche wie Bildungs-, Wirtschafts-, Innen- und Außenpolitik, sie muss als ein Gesamtzusammenhang verstanden werden. Ja, über Inhalte muss wieder geredet werden!