20. Juni 2018

Wolfgang Thierse

Laudatio auf Günter Bannas

Zur Verleihung des Theodor-Wolff-Preises für sein Lebenswerk

 

Während der Tagung des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing, den zu leiten ich seit zwei Jahren das Vergnügen habe, sagte am Wochenende der Intendant eines wichtigen Senders: „Auf Preisverleihungen, da wird noch über die Seele des journalistischen Berufs gesprochen, wenigstens da.“ Wir haben es heute Abend erlebt.

 

Und man konnte es vor einigen Wochen erleben, als Günter Bannas, den wir heute Abend auf besondere Weise ehren, verabschiedet wurde – nach 40 Jahren journalistischer Tätigkeit, während der er – wie der FAZ-Herausgeber Berthold Kohler bemerkte – „drei Kanzler und eine Kanzlerin, Parteitage ohne Zahl, knapp 10.000 Artikel und schätzungsweise zwei Millionen gerauchter Zigaretten“ überlebt hat. (Schon das allein, schon diese Quantität allein verdient Respekt.)

 

Die Verabschiedung glich einem Staatsempfang: Bundestagspräsident und Kanzlerin waren da, fast die gesamte Bundesregierung, Parteivorsitzende und Abgeordnete und alle wichtigen Berliner Journalisten. Mehr ging eigentlich nicht. Es wurden Lobreden gehalten von Angela Merkel und Andrea Nahles, von FAZ-Herausgeber und SZ-Chefredakteur. Es herrschte ein heiter-freundlicher und zugleich ziemlich hoher Ton.

 

Wie ist das überhaupt noch zu überbieten? Und: War die höchstmögliche, fast zu einem Staatsakt geratene Verabschiedung etwa ein Beleg für die enge Verbindung, gar Symbiose zwischen Politik und Journalismus, zwischen Politikern und Journalisten in der Berliner „Blase“? Und das ausgerechnet bei Günter Bannas?

 

In den Wochen seither haben sich zahlreiche Journalistenkollegen in freundlichsten Worten und Lobeshymnen zu Bannas geäußert, ihren Respekt formuliert, das Besondere seiner journalistischen Arbeit beschrieben – und den Verlust betont, den sein Ausscheiden für den deutschen Journalismus bedeutet:

 

Er sei „eines der letzten Exemplare einer vom Aussterben bedrohten Journalisten-Spezies“. (Ich hoffe sehr, dass das nicht stimmt.)

 

Es sei vorbildlich, „wie Günter Bannas seine zu vermutende politische Grundhaltung nie zur Richtschnur seiner Berichterstattung gemacht hat“. Das sei „das Geheimnis seines parteiübergreifenden Ansehens“. Ihm werde von allen politischen Seiten Vertrauen entgegengebracht. (Ja, das ist so, das ist auch meine Wahrnehmung, die eines Politikers.) Bannas habe die erstaunliche Fähigkeit, die Welt der Politik von innen zu erschließen und zu durchleuchten, „ohne sich im Geringsten zu verbiegen oder zu kompromittieren. Bannas‘ Arbeitsweise sei bestimmt durch Gründlichkeit, Präzision, Vielseitigkeit. Er sei eine Mischung aus Anarchie und Lexikon.

 

Ja, Bannas ist ersichtlich ein Mann mit gutem Gedächtnis, er hat vermutlich ein gutes Archiv bzw. und vor allem seine Notizbücher! Er widerlegt das Vorurteil (auch meines), dass Journalisten – ganz der hektischen Aktualität verpflichtet, dem temporeichen Alltagsbetrieb unterworfen – einfach kein Gedächtnis haben und haben können. Seine Fähigkeit „geduldig zuzuhören, genau zu beobachten und das Wichtige vom Auffälligen zu unterscheiden“ (so Stephan Detjen) und seine Ausdauer und Hartnäckigkeit „zu recherchieren, zu fragen und nochmal zu fragen nach Details, danach, was da ganz genau war und wer wann was zu wem gesagt hat“ (so Bettina Schausten) – daraus entstanden seine aktuellen Berichte und seine großen Artikel in denen er Zusammenhänge sichtbar macht, Hintergründe zeigt und politische Abläufe und Entscheidungen verständlich macht.

 

Ich erinnere mich an meine Verblüffung, mit der ich in den ersten Jahren meines Politikerlebens in Bonn seine Texte über Vorgänge und Entscheidungsprozesse in der SPD-Führung gelesen habe: Woher weiß der das so genau, ja genauer als ich, der ich doch dabei war?

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

was soll ich über das hinaus also noch sagen, was seine Journalistenkollegen über Bannas an Lobendem nicht schon gesagt haben! Wie soll ich das vielfältige Lob gar noch überbieten wollen? Denn was gibt es Höheres, als das Lob der Professionskollegen!

 

Ich kann nur eine Facette, eine persönliche (wenn Sie so wollen: geschmäcklerische) Fußnote hinzufügen.

 

Ich bin ja von Haus aus Germanist und mir ist aufgefallen: Bannas ist ein Meister des Konjunktivs. Er ist ein wirklicher Virtuose in der Handhabung der vielen sprachlichen Möglichkeiten des Konjunktivischen. Das hat mich von Anfang an bei der Lektüre seiner Artikel fasziniert und mir ein ganz spezielles Vergnügen bereitet.

 

Der Konjunktiv ist zunächst der Modus der indirekten Rede, der Wiedergabe von Äußerungen, die man - aus Gründen - nicht direkt zitieren mag. Er ist auch die Möglichkeitsform, also der Modus der Wiedergabe von Äußerungen und Gesprächen und Ereignissen, von Informationen aus Gremien und Zirkeln, an denen man nicht teilgenommen, sondern aus und von denen man nur von Informanten erfahren hat.

 

Der heftige Gebrauch des Konjunktivs bei Bannas ist aber mehr: Er verrät viel über sein journalistisches Ethos.

 

Bannas will nicht so tun, nicht suggerieren, dass er selbst dabei war. Er zeigt vor, dass er referiert, was er durch Nachfrage und Recherche erfahren hat. Er nimmt dem von ihm Mitgeteilten das Apodiktische. Der Konjunktiv behauptet nicht, dass es genauso gewesen und gesagt worden ist, sondern dass es wohl so gewesen ist, wohl so gesagt worden sein kann.

 

Der Konjunktiv wird bei Bannas zum Stilmittel der Distanz – einer Distanz, die sich der schlichten Eindeutigkeit verweigert und Ambivalenz zulässt. Einer Distanz, die flotte Parteinahme erschwert, Einseitigkeit zu vermeiden sucht und Vereinnahmung erschwert. Einer Distanz, die dem Leser eigenes Urteil ermöglicht, ja, ihn zu eigenem Urteil ausdrücklich, aber zugleich unmerklich einlädt.

 

Der Konjunktiv ist bei Bannas das Stilmittel für einen Journalismus, der das Gegenteil dessen ist, was Bannas offensichtlich verabscheut (und auch ich nicht mag) – nämlich Überwältigungsjournalismus.

 

Dieser aber ist ein Journalismus, der in allen Medien grassiert (nicht zuletzt online): vorlaut und emotionsstark, auf das kräftige Wort (das Reizwort) und das eindrucksvolle Bild setzend, kritische Distanz verhindernd, ja zerstörend.

 

Günter Bannas sagt dagegen: „Der Journalismus lebt von Fairness und Distanz.“ So einfach ist es und so anspruchsvoll!

 

Solchen Journalismus sollte es, muss es weiterhin geben – um der Zukunft unserer liberalen Demokratie als der politischen Lebensform der Freiheit willen!

 

Dass er nicht mehr selbstverständlich ist in Zeiten der Vergröberung der kommunikativen Sitten, das macht das Beispiel Bannas so kostbar.

 

Günter Bannas bekommt den Theodor-Wolff-Preis für sein Lebenswerk zurecht!

Und ich gratuliere herzlich!