28. Juni 2013

Vergangene Nacht der Tagesordnung zum Opfer gefallen: Die letzte, ungehaltene Plenarrede von Wolfgang Thierse im Bundestag

Zum Antrag der CDU/CSU und FDP: „Deutsche Sprache fördern und sichern“ (Drs. 17/14114)

 

Anrede,

was die Koalition mit ihrem Antrag „Deutsche Sprache fördern und sichern“ anstellt, ist nichts weniger als empörend. Ein wichtiges, ja edles Anliegen, über das ernsthaft und ausführlich zu sprechen wäre, wird hier am Ende der Legislaturperiode in allerletzter Minute ins Plenum eingebracht, weit hinten auf die ohnehin ellenlange Tagesordnung gesetzt, direkt zur Abstimmung gestellt und mit Reden zu Protokoll spätnachts verabschiedet. Eine ordentliche Debatte und eine Aussprache in den Ausschüssen ist damit ausgeschlossen.

 

Die Koalition beerdigt damit ihre eigene Initiative in der denkbar teilnahmslosesten Weise – mit einem Begräbnis dritter Klasse. Dieses Vorgehen zeigt, wie wenig ernst die Koalition ihre eigene Initiative nimmt. Das wird der Bedeutung des Themas nicht gerecht. Schon deshalb lehnen wir den Antrag ab. Das Anliegen, mit der deutschen Sprache einen wesentlichen Bestandteil unseres kulturellen Reichtums zu fördern und zu bewahren, halten wir für zu wichtig.

 

Dabei ist über den Inhalt des Antrages erfreulicheres zu sagen: Es steht viel Richtiges darin. Es ist richtig, den Appell der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ mit der Forderung aufzunehmen, im öffentlichen Raum auf unnötige Anglizismen zu verzichten. Die Ankündigung der Deutschen Bahn in dieser Woche lässt diesbezüglich hoffen. Die Bahn will im Kundenverkehr jene Begriffe abschaffen, die für Reisende ohne Englischkenntnisse schlicht unverständlich bleiben.

 

Für einen Irrtum halte ich dagegen den Ansatz, aus nationalen Gründen auf der Förderung der deutschen Sprache zu beharren. Dies greift viel zu kurz. Der Gebrauch der deutschen Sprache ist nicht deshalb zu verteidigen, weil es die deutsche ist. Er ist zu verteidigen, weil die deutsche Sprache den Reichtum einer ganzen – in ihrer Weise einmaligen – Kultur abbildet. Sie prägt und ist gleichzeitig Ausdruck unserer Kultur des Denkens, des Handelns und Erfindens, des sozialen Umgangs und auch des Politischen.

 

Im Alltag wie in den Wissenschaften ist unsere Kultur an eine spezifische, deutsche Begrifflichkeit gebunden, die sich aus gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Diskursen heraus über lange Zeit entwickelt hat. Sie ist nicht starr und auch nicht besser, aber eben anders als etwa entsprechende Traditionen im angelsächsischen, romanischen oder chinesischen Sprachraum. Alle diese kulturellen Traditionen sind erhaltenswert, wir wollen sie in ihrer Vielfalt bewahren. In Europa und in der Welt. Deshalb müssen wir alle auf unsere Sprachen acht geben.

 

Dass Handlungsbedarf besteht, zeigen beunruhigende Entwicklungen in der Wissenschaft. Das Verhältnis zur deutschen Sprache scheint bei der wissenschaftlichen Elite unseres Landes oftmals von Lieblosigkeit, wenn nicht Verachtung geprägt zu sein. Oftmals geht diese einher mit einer unreflektierten Anbiederung an das Englische, das dann gleichzeitig als einzige Wissenschaftssprache proklamiert wird.

 

Ein solches Wissenschaftsverständnis halte ich für fatal. Denn darunter wird absehbar die Qualität der wissenschaftlichen Leistungen in Deutschland leiden (und dann wird die deutsche Sprache wirklich provinziell). Es ist ein Fehler zu glauben, dass Internationalität des wissenschaftlichen Denkens Monolingualität heißen muss. Forschen und Erfinden bedarf der Fantasie, bedarf eines großen sprachlichen Reichtums und der Sicherheit im Umgang damit. Nur so kann ein Wissenschaftler eine Erkenntnis in all ihren einzelnen Aspekten ausbreiten und formulieren. Dazu ist nur ein Muttersprachler fähig. Ein deutscher Wissenschaftler kann noch so gut Englisch sprechen. Die Qualität und Exaktheit des Ausdrucks, derer er im Deutschen fähig ist, wird er im Englischen nicht erreichen. Wenn es um Exzellenz geht, muss dieser Weg deshalb notwendig in die Irre führen.

 

Internationalität in der Wissenschaft kann deshalb nur intensiver Austausch zwischen Sprachen und Kulturen bedeuten. Kulturelle und sprachliche Unterschiede der Forschenden ermöglichen einen Reichtum kognitiver und emotionaler Art, der sich dann auch in der Qualität der Forschung niederschlägt. Die Forderung heißt also Mehrsprachigkeit!

 

In Deutschland sollten wir deshalb dafür sorgen, dass bei Exzellenzwettbewerben, bei Anträgen auf Forschungsförderung, bei allem, was Steuergelder kostet, die deutsche Sprache verwendet wird. Dies ist keine Selbstverständlichkeit mehr, wenn Kongresse in Deutschland, die vorwiegend von deutschen Fachwissenschaftlern besucht werden, in englischer Sprache abgehalten werden. Hier ist das Bundesministerium für Forschung und Wissenschaft aufgefordert, zu handeln.

 

Sprachpolitik in diesem Sinne ist nicht nur zum Wohle einer kleinen Elite und der Sicherung der Qualität in Wissenschaft und Forschung nötig. Vielmehr liegt sie im gesamtgesellschaftlichen Interesse. Es geht auch um das Aufrechterhalten der Verbindung von Wissenschaft und Gesellschaft und damit um die Verteidigung des demokratischen und pluralen Charakters von Wissenschaft.

 

Diese und weitere Aspekte, die eine deutsche Sprachpolitik sinnvoll machen, hätten in den Ausschüssen diskutiert und in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden müssen. Die Koalition versagt sich und dem Parlament eine sinnvolle Debatte. Noch eine vertane Chance!

Vielen Dank!

 (Rede zu Protokoll gegeben nach § 78 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages)