28. Januar 2012

© © Helmut J. Salzer / pixelio.de

 

Die Erben der Studentenbewegung

„Dutschkes Deutschland“ – das Buch von Tilman Fichter und Siegward Lönnendonker, wurde am 27. Januar im Berliner Willy-Brandt-Haus diskutiert.

 

Von Birgit Güll

Es soll kein West-Berliner Veteranen-Treffen werden. Das sagt Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse am Beginn der Veranstaltung „Dutschkes Deutschland“. Ein Blick durch den gut gefüllten Saal legt die Vermutung nahe, dass die Anwesenden – vornehmlich Männer – schon so manches Plenum in den 60ern miterlebt haben. Als eine der wenigen Frauen sitzt Gretchen Dutschke, die Witwe Rudi Dutschkes, im Publikum.

Der Schuss auf Ohnesorg

Doch Thierse meint es Ernst und spricht schnell über Gegenwärtiges. Über die „dumme Überwachung von Abgeordneten der Linkspartei durch den Verassungsschutz“, die an Zeiten des Kalten Krieges erinnere. Vor allem aber geht es um die neuen Erkenntnisse, die der aktuelle „Spiegel“ veröffentlichte.

Die Rechercheergebnisse des Magazins lassen den Schluss zu, dass der Polizist Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg bei der Demonstration gegen den Schah von Persien 1967 vorsätzlich tötete. Kurras hatte sich stets auf Notwehr berufen. Nun zeigen bisher unbekannte Fotos ihn bei der Abgabe des tödlichen Schusses in Gesellschaft eines Kollegen und nicht, wie behauptet, bedroht von den Demonstrierenden. Mehr noch, die West-Berliner Polizei habe die Hintergründe der Tat offenbar vertuscht, so der „Spiegel“.

Diese Erkenntnisse sorgen für Gesprächsstoff und Wut im Raum. Schließlich trug Ohnesorgs Tod maßgeblich zur Radikalisierung der westdeutschen Linken bei. Bisher wurde den Studenten stets vorgeworfen die Polizeigewalt provoziert zu haben. Tilman Fichter plädiert angesichts der neuen Erkenntnisse nicht nur für eine grundlegende Polizeireform, sondern vor allem auch dafür, die Umstände der Tötung des unbewaffneten Ohnesorg von politischer Seite endlich vollständig aufzuklären.

Eine sozialistische Neuordnung

Fichter sitzt gemeinsam mit dem Soziologen Klaus Meschkat, der 1954 in den SDS eintrat, mit den Historikern Siegfried Heimann und Peter Brandt auf dem Podium. Er betont, dass Dutschke immer von „sozialistischer Studentenbewegung“ gesprochen habe – ein Aspekt, der im Buch von Fichter und Lönnendonker zu kurz komme.

„Was uns als junge Sozialisten und Marxisten umtrieb war: Wie können wir in weiten Teilen Deutschlands zu einer sozialistischen Neuordnung kommen.“ Das schien zu der Zeit in keinem der beiden Teile Deutschlands möglich, so Meschkat. Von der SPD habe sich der SDS entfernt, als diese sich 1959 mit dem „Godesberger Programm“ von der Arbeiterbewegung entfernte.

Der Abend, der mit so viel Aktuellem eingeleitet wurde, verliert im Lauf des Podiumsgesprächs bald an Feuer. Die Männer auf dem Podium, die weniger miteinander sprachen als einzeln Statements abgeben, beginnen sich in Detailfragen zu verlieren. Die Frage der Spaltung der westdeutschen Studentenbewegung, die Frage ihres Verhältnisses zur DDR, sie rücken bald in den Hintergrund.

Auf der Bühne reden plötzlich ältere Herren, die gar nicht mehr viel gemeinsam zu haben scheinen, nebeneinander her. Während sie das tun, verlässt ein Herr den Raum, der früher mal einer von ihnen war: Bernd Rabehl. Früher Mitglied im SDS hat er sich schon vor Jahren den Rechten zugewandt. Tilman Fichter hält es für nötig ihm die Hand zu schütteln. Doch Rabehl ist offenbar trotzdem bald klar, dass er fehl am Platze ist, er geht. Vielleicht, weil auch darüber gesprochen wird, wie der SDS gegen eine Versöhnung mit den Nazi-Tätern in Deutschland arbeitete.

Ein anderes Geschichtsbild

Auf der Bühne dreht sich das Gespräch inzwischen um ein hitziges Wortgefecht zwischen Rudi Dutschke und Egon Bahr über die Entspannungspolitik. Aus dem Gedächtnis wird zitiert, wie das früher so war. Für jene die nicht dabei waren ist das wenig aufschlussreich. Das ist auch den Herren auf dem Podium bald klar und so wird die Stelle aus dem Buch vorgelesen. Jetzt erschließt sich die Situation, Dutschkes revolutionäre Ideen zur Wiedervereinigung gegen Bahrs und Brandts Diplomatie.

Das Buch gibt einen Überblick über den SDS und sein Verhältnis zu DDR und Wiedervereinigung. Ein Dokument für jene, die sich nicht für die Stasi-Fernsteuerungs-Theorien von Leuten wie dem Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen Hubertus Knabe interessieren. Dazu sind auch Veranstaltungen wie an diesem Abend im Willy-Brandt-Haus gut: Sie zeigen, dass es noch ein anderes Geschichtsbild gibt.

Klartext VerlagTilman P. Fichter, Siegward Lönnendonker: „Dutschkes Deutschland. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund, die nationale Frage und die DDR-Kritik von links“, Klartext Verlag, Essen 2011, 318 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-8375-0693-8